Die neue Mitpatientin

Das A und O eines gelungenen Krankenhausaufenthaltes sind bekanntlich die Zimmernachbarinnen. Viel mehr als auf beispielsweise den Krankheitsgrad, egal ob wir es mit einer Fettabsaugung oder einem beidseitig bösartigen Lungenkarzinom zu tun haben, kommt es auf die Qualität der Kameradin, die neben einem liegt, an.

Wir sind gewohnt, die komplette Hoheit darüber innezuhaben, wen wir in unsere Nähe lassen oder nicht und ob überhaupt  (Ja, im Berufsleben fühlt es sich oft anders an, aber eigentlich ist es so). Wollen wir alleine leben, mit einem Mann oder lieber einem Tier oder vielleicht in einer Kommune, wollen wir Kontakt zu Nachbarn oder nur zu unserem Fernseher? Das können wir frei bestimmen.

Im Krankenhaus wird dieser Grundsatz auf den Kopf gestellt. In einer Situation, in der auch die allergeselligsten Leute gerne für sich sein würden, werden wir in die engste räumliche Nähe zu einer fremden Person geworfen. Gerade bei Dingen, die auch die unverklemmtesten Leute gerne allein verrichten (ins Bett kacken, von unsensiblen Ärzten mitgeteilt bekommen, dass man Krebs hat etc.), ist man auf einmal in fremder Gesellschaft.

Ich fühle mich dabei teilweise sehr in meiner Intimsphäre verletzt (alleine die vielen Geräusche, die keiner hören will) und fürchte mich vor jedem Krankenhausaufenthalt aufs Neue vor dieser Situation. Ängstlich und wütend hadere ich dann mit meinem Leben und beschimpfe in Gedanken die Oma, die sich gerade unnötigerweise vor mir nackig ausgezogen hat oder stundenlang laut in ihr Telefon brüllt. Auch in nicht-extrem Situationen kostet es mich Energie, immer wieder neue Bekanntschaften zu schließen (und, vergessen wir nicht, das ist alles immer ohne Alkohol).

Andererseits sind wir Menschen Rudeltiere und Gesellschaft ist, sei sie auch nicht so, wie wir es uns aussuchen würden, tröstlich (es ist ja schon alleine viel angenehmer, von jemandem anderen genervt zu sein, als von sich selbst). Während ich in der Regel die Kinder, Ehemänner und anderen Besuch meiner neuen Mitpatientin am ersten Tag der Bekanntschaft noch ausgiebig hasse, bin ich nach drei Tagen meistens gut in die neue Familie integriert. Ich bekomme Schokolade, Kuchen und Kartoffeln mit Soße geschenkt und erhalte den freundlichen Rat, ich solle zu meinem Freund beim Backgammon-Spielen nicht so frech sein. Ich revanchiere mich, indem ich bei der Visite gut zuhöre und dann später den Angehörigen übermittele, was der Doktor wirklich gesagt hat. Dem fröhlichen Miteinander sehr zuträglich ist auch mein Freund. Er hat eine Superkraft, die im Alltag nicht sehr zum Tragen kommt, im Krankenhaus aber überlebenswichtig ist: Er ist Weltmeister im Onkel-Style-Flirten mit 80jährigen Damen. Als sich vor zwei Wochen herausstellte, dass meine damalige sowieso schon sehr kecke und charmante 82jährige Zimmerkollegin Frau M. und mein Freund auch noch die selbe Lieblingsfernsehserie („American Pickers“, ich finde es schrecklich) haben, bekam ich kurzzeitig Angst, sie würden nun vielleicht miteinander durchbrennen.

Mein Freund ist bei mir geblieben, die Mitpatientinnen verlassen mich immer wieder oder ich sie und immer wieder habe ich Angst, mit was für einer neuen Dame ich nun konfrontiert sein werde. „Am allerschlimmsten finde ich ja diese alten Frauen“, sagt Frau M. (82, selbstbewusst). „Oh ja, fragen Sie mich mal.“, entgegne ich fröhlich. (Frau M. ist ja nicht nur dabei, mir meinen Lover auszuspannen, sie quält mich auch gerne durch gnadenloses altersgemäß-egozentrisches Zugelabere.

Apropos zulabern, eigentlich hatte ich ja von der neuen Mitpatientin berichten gewollt. Machen wir es kurz. In den letzten fünf Wochen war ich mit hervorragenden Bettnachbarinnen gesegnet. Einige waren sehr laut und/oder sehr fernsehsüchtig und/oder sehr in dem Irrtum befangen, ihre Krankheitsgeschichten wären für andere Menschen von gleichem, großem Interesse wie für sie selbst. Aber wozu geben sie einem hier diese ganzen drogenhaltigen Schmerz- und Schlafmittel und außerdem waren alle diese Frauen sehr freundlich, das Wichtigste.

Sehr freundlich war gewiss auch meine vorletzte Kameradin, die neue Mitpatientin. Sie befand sich nur nicht in einem Zustand , in dem sich dies beurteilen ließe. Frau T. war vor einiger Zeit aus einem mehrwöchigen Koma aufgewacht und jetzt von der Intensivstation zu mir verlegt worden. Sie war jung, bewegungsfreudig und verwirrt. Aufstehen durfte sie auf keinen Fall, sie drohte sich zu verletzen und ihre ganzen Schläuche aus dem Körper zu reißen. Aufstehen und sich die ganzen Schläuche aus dem Körper reißen, war aber das, was sie wollte. Sie hätte daher durchgehend überwacht werden müssen (womit ich meine: aber nicht von mir!). Es wurde eine aufregende Nacht. Die Nachtschwester und ich gaben unser Bestes, Frau T. in ihrem Bett zu halten, was insgesamt nur so mittel gut klappte. Nachts um drei dann setzte sie sich wieder auf, starrte mich ernst und lange an und sprang dann in mein Bett. Ich fand das lustig, war aber einverstanden, dass Frau T. nun doch wieder auf die Intensivstation zurückverlegt wurde. Im Krankenhaus wird man spießig.

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10 Kommentare zu “Die neue Mitpatientin

  1. Hmja. Ich war ja nur mal eine Nacht als Patient im Krankenhaus, da hab ich die Zimmernachnarinnen kaum wahrgenommen. Und im Wehrdienst hatte ich echt Glück, da waren eigentlich alle immer ganz okay, bis auf G Wrubel, aber der hatte Angst vor mir, dann ging’s. OG Papst war manchmal ein bisschen auffällig in den Nächten, in denen er da war, ist aber immer schnell eingeschlafen.

      • Ich weiß es nicht. Ich hab ihm nichts getan. Wahrscheinlich einfach, weil ich unfreundlich zu ihm war. Bei manchen Leuten reicht das. (Aber mal ehrlich. Der Typ hat immer, wenn er reinkam, die Heizung auf 5 gedreht und hat sich JEDEN ABEND Godzilla angesehen, die 1998er US-Version. Wer soll denn da freundlich bleiben?)

  2. onklemaike, du sprichst mir aus der Seele! Genau das geht mir bei Krankenhausaufenthalten durch den Kopf. Nur gut, dass ich noch nie sehr lange dort verweilen musste. Da ich zum Typus „Aufstehen und Schläuche aus dem Körper reißen“ gehöre, sind alle froh, wenn sie mich bald wieder los sind. 😉 😀
    Ich wünsche dir schnell gute Besserung und sende dir viel Kraft! Nur nicht von den Mitpatienten unterkriegen lassen. 🙂

    • Oh, vielen freundlichen herzlichen Dank. Noch mal eine doppelte Portion von diesen Beruhigungs- und Schmerzmitteln, die ich hier so kriege und ich gehöre auch zu Schlauchausreißerinnen.

      • Beruhigungsmittel kriegst Du? Das ist doch eigentlich ganz angenehm, oder?
        Ich hoffe eigentlich, dass Du gerade gar nix mehr kriegst und Zuhause faul auf dem Sofa rumliegst und liest.

      • Ich hatte letzte woche eine Knochenmarkspunktion – Da habe ich gesagt: Viele Drogen bitte (mit Verweis darauf, dass ich sonst eine sehr genügsame Patientin bin) „jaja, ich sag ja gar nichts“ sagt die ärztin und hat mir eine schöne portion dormicum (sowas wie valium, glaubich) gespritzt. die knochenmarkspunktion war dann gar nicht schlimm, ich aber noch bis abends high:-) im grundsatz will ich aber auf sowas verzichten – lieber die schwierigen gefühle nüchtern aushalten – nach hause komme ich jetzt wohl mitte ende dieser woche.

      • Aua.
        Schwierige Gefühle auszuhalten ist das Eine, Schmerzen solltest aber nicht erdulden müssen, das schadet Dir bloß. (Stresshormone und so).

        Die sollen bitte schön weiter auf Dich achtgeben und Dich dann so fit wie überhaupt möglich in eine lange krankenhausfreie Zeit entlassen. Kannste denen von Frau tikerscherk ausrichten.

        Du bist echt sehr tapfer.

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