Impressionen aus der Notaufnahme

Boahr, so langsam finde ich das alles nicht mehr lustig. Witze mache ich aber immer
noch. „Ich liebe Ihren schwarzen Humor.“, lobt mich der Rettungsassistent im Krankentransportwagen nach ca. 20 Minuten Bekanntschaft. Gestern war ich aus dem Krankenhaus entlassen worden, heute bin ich schon wieder zurück. Nachdem ich heute Vormittag bei der Hausärztin gewesen war, bekam ich auf dem Weg nach Hause schlecht Luft, hatte ein Stechen in der Lunge beim Atmen und mir wurde ganz flau. Der befreundete Onkel steckte mich in ein Taxi und es ging ab ins nächste Krankenhaus. Vom nächsten Krankenhaus ging es dann per Krankentransport ins für mich zuständige Krankenhaus, zur Lungenstation nach Mehrheim.

In Mehrheim musste ich dann, bevor ich auf Station aufgenommen wurde, zwei Stunden im Flur der Notaufnahme warten, wovon ich jetzt berichten möchte (ich könnte auch davon berichten, wie traurig ich gerade bin, aber das liegt mir eher nicht):
Eine typische Notaufnahme-Szenerie lässt sich wie folgt beschreiben: Über den Flur laufen geschäftig hin und her: Ärzte, Pflegepersonal und Rettungssanitäter, die Patienten anliefern und abholen. In dem Gewusel sitzen und liegen die wartenden Patienten. Die sollen nicht geschäftig oder sonstwie herumlaufen, machen das zum Leidwesen der anderen Mitwirkenden aber manchmal trotzdem. Die typischen Patienten in der Notaufnahme lassen sich grob in die folgenden Gruppen unterteilen: Die Jungen – Leichtsinnigen, sie sind ungestüm irgendwo heruntergesprungen oder gegen gefahren, ihnen ist eine Graffiti-Spraydose in der Hand explodiert oder sie sind zum falschen Zeitpunkt vom Skateboard gefallen. Dann gibt es die nicht mehr ganz so jungen, aber noch nicht alten – Drogensüchtigen. (Es gibt eine Altersspanne, in der es eigentlich keinen Grund gibt, in die Notaufnahme zu müssen, außer eben Folgen von Drogensucht). Dann gibt es natürlich noch die vielen alten Menschen. Sie treten vor allem in den Formen „traurig-verzagt“, „störrisch-wütend“ und natürlich „komatös an die Decke starrend“ auf. Die größte Herausforderung für alle anderen Mitwirkenden stellen die alten Drogensüchtigen dar. Die sollte es ja eigentlich gar nicht geben, aber es gibt sie doch manchmal. Sie haben sich jetzt schon so lange durchgebissen und keine Verträge mehr mit nichts und niemandem. Die Rolle des alten Drogensüchtigen übernimmt in der heutigen Vorstellung Herr Peschkow, ein Obdachloser, der sich den Kopf blutig geschlagen hat. Am Ton, in dem die Rettungssanitäter, die ihn anliefern, mit ihm sprechen, und daran, dass sie ihm sein Menschenrecht, auf Toilette zu gehen, verneinen, ist zu erkennen, dass er denen bereits während der Anreise den letzten Nerv geraubt haben muss. Unermüdlich lallt er vor sich hin und stellt allen, die an ihm vorbeilaufen, merkwürdige Fragen. Zunehmend wird er ignoriert (der einzige, der ihn während der zwei Stunden überhaupt von sich aus anspricht, ist mein liebreizender Freund: „Cooler Hut“, kommentiert er freundlich Herrn Peschkows kurios gewickelten Kopfverband). „Schwester, eine Frage“, ruft er. Die Schwester bleibt stehen, und Herrn Peschkow fällt zunächst gar keine Frage ein. Er zögert kurz und improvisiert: „Haben Sie fünf Zentiliter reinen Zitronensaft für mich?“. Die Schwester verneint und läuft weiter. Die nächste weißgekleidete Frau kommt vorbei: „Schwester!“, ruft Herr Peschkow wieder. „Bin keine Schwester.“, sagt die Ärztin lakonisch und läuft weiter. Irgendwann streckt Herr Peschkow schimpfend die Segel: „Ich habe keine Lust mehr.“, „Ich auch nicht.“, erwidert die vorbeilaufende Schwester, „Ich auch nicht.“, stimme ich ein. Herr Peschkow und ich lachen.

Die Gruppe der Ärzte lässt sich ungefähr wie folgt klassifizieren: jung, weiblich mit blondem Zopf („Die kennen sich doch alle ausm Pferdestall“, sagt mein Freund) sowie jung, männlich, mit osteuropäischem Akzent, dazu gesellt sich das bereits ältere, in der Regel männliche, Oberarzt-Chirurgen-Alphamännchen. Es rennt telefonierend auf und ab, geplagt von widrigen Umständen, belastet mit einer Verantwortung, die man selber nicht tragen wollen würde, und muss das Beste draus machen. Der Alphamännchendarsteller von heute ist gerade mit einem herannahenden Rettungswagen verbunden und mit den Informationen, die er von dort über den Patienten erhält, nicht zufrieden: „Nicht intubiert, der kommt gleich auf den Tisch.“. Ein Weile später wird eilig eine Liege hinein geschoben. Ich sehe einen großen nackten, sich wellenförmig bewegenden Bauch. Die Wellen werden durch die Wiederbelebungsmassage der Rettungssanitäter erzeugt. Der Patient wird in den OP geschoben und hinter ihm die Tür geschlossen.

Neben mir haben sich inzwischen zwei junge Frauen eingefunden, eine von ihnen hält eine Hand in einen mit roter Flüssigkeit, die aussieht wie verdünntes Blut, gefüllten Plastikschlauch. Beide Frauen haben Schlamm an den Füßen und einiges davon auch schon in großen Brocken auf dem Flur verteilt. „Habt Ihr Euch im Wald verletzt?“, frage ich. Sie bejahen und erzählen mir, dass ihr Hund beim Gassigehen in eine tätliche Auseinandersetzung mit einem anderen Hund geraten ist und sie dazwischen gehen mussten. Der Notfallpatient wird nach ca. 15 Minuten wieder aus dem OP und aus der Notaufnahme hinausgeschoben.
„In der Zwei ist ein Patient mit amputierter Fingerkuppe“ ruft jemand über den Flur. „Der hat seinen Daumen in einer Tupperdose dabei.“ Ich bin begeistert und gleichzeitig schaudert mir, das ist ja besser als Emergency Room. Aber in live auch deutlich beklemmender. Dann kommt einer der jungen Pfleger des Ensembles zu mir. Er hätte mich vor einer Stunde auf Station bringen sollen, hat das aber vergessen und entschuldigt sich. „Ich verzeihe Ihnen“, sage ich, „wenn Sie mir sagen, wo der Notfallpatient von eben
hingeschoben geworden wurde, auf die Intensivstation?“, „Nein, zu einer Spezialuntersuchung, Linksherzkatheter, glaube ich“, sagt der Pfleger. „Lebt er noch?“, frage ich. „Das stellt sich gerade raus.“ antwortet der Pfleger. Ich gucke sparsam. „Sie haben gefragt.“, sagt der Pfleger.

Advertisements

9 Kommentare zu “Impressionen aus der Notaufnahme

  1. Wie geht es Dir heute? Haben sie etwas gemacht, oder beobachten sie Dich? Was ist aus der gezielten Entzündung geworden und wollen sie nicht vielleicht doch noch das Zwerchfell anrauen (oder war es das Rippenfell?) zwecks problembehebender Verklebung?
    Bekommst Du Medikamente?

    • Mir gehts bissl besser. Gestern war meine Stimmung sehr schwarz. Ich war bei meiner Hausärztin gewesen und die war ob des Krankenhausberichtes recht erschüttert. Dann gings mir schlecht und ich fühlte mich sehr krank. Heute gehts mir etwas besser, das Antibiotikum, was sie mir jetzt geben, scheint anzuschlagen. Die gezielte Entzündung hatte zum Erfolg geführt, die Thoraxdrainage konnte gezogen werden. Das Grundproblem bleibt aber bestehen, dass so ein Pneumothorax immer wieder auftreten kann und das zu befürchten steht, dass die Löcher in der Lunge immer mehr werden.

      • Meine beste Freunidn hat eine autoimmun bedingte COB. Fiese Prognose. Und was soll ich Dir sagen: nach einem einzigen saugefährlichen Schub war Ruhe. Seit Jahren. Absolutely. Wunder, so abgenudelt das klingt, geschehen immer wieder und für Dich hab ich in der Krankenhauskapelle auch einen Antrag gestellt.

      • ja, das ist schon interessant, wie die perspektive sich ändert. mein freund und ich sagen das auch oft „leider bin ich nicht gläubig“ – es wäre soooooooo praktisch. aber gläubig sein, ist was für leute ohne ehrgeiz sag ich immer 🙂

      • Du meinst wir schaffen das aus eigener Kraft und Gott hat sich damit erübrigt.

        Ich arbeite seit geraumer Zeit an einem eigenen Universum und komme auch ohne Hilfe gut voran.

      • Nee, ich meine eher, dass wir uns mit der großen Ungewissheit abfinden müssen. Sicherlich tue ich vielen Leuten Unrecht, aber ich finde immer, dass die Christen (und andere Gläubige), sich halt über die Ungewissheit und die Angst davor, was nach dem Tod kommt, hinweg täuschen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s