Gestern war es erst nicht gut

tldr; Onkel Maike beschreibt langatmig und literarisch uneindrucksvoll eine Atemnoterfahrung – Wo ist Herta Müller, wenn man sie braucht.

Gestern sollte wieder so ein ruhiger, dröger Tag werden. Ich hatte, da keine großen Schmerzen mehr, eigenmächtig mein opiathaltiges Schmerzmittel (Tramal) abgesetzt, und wollte beobachten, wie sich das auf meine ja doch überraschend gute Laune niederschlagen würde. Der Tag war also auf Kontemplation ausgelegt, aber dann wurde es ganz anders und das kam so:

Nach dem Mittagessen stand der Wanderprediger-Doktor an meinem Bett und teilte mir mit, er würde mir jetzt die Lunge verkleben. Dies sei notwendig, da die Lunge an der Stelle, wo sie aufgeplatzt ist, immer noch nicht zugewachsen ist und ich immer noch an die Thoraxdrainage angeschlossen sein muss. Hierzu würde er mir jetzt ein Antibiotikum, Doxycyclin, an die zu verklebende Stelle spritzen. Diese würde sich dann entzünden und dadurch dann, hoffentlich, verkleben. (Das ist grad eigentlich nicht das Thema, aber er erzählte das alles, als sei es das normalste von der Welt und eigentlich auch nur auf meine Nachfrage hin). Vorher bekam ich eine Schmerzspritze und eine Oxygesic-Tablette (auch ein Opioid, zwar gerade nicht das Thema, aber interessant: Oxygesic, Wirkstoff Oxycodon, wird in Deutschland bei starken und sehr starken Schmerzen verschrieben. In den USA wurde es auch bei mittleren Schmerzen sehr großzügig verschrieben, wohl auf Betreiben der Pharma-Lobby hin. Dies hat, so ist bei Wikipedia zu lesen, viele Menschen in die Opioid-Abhängigkeit geführt und sogar ein Heroin-Revival ausgelöst; irre Story, die aber wahr zu sein scheint) verabreicht. „Oxygesic?“, sage ich zum Pfleger, „Na gut, dann bin ich halt gleich wieder ein bisschen high.“

Ich nahm die Tablette, bekam eine Spritze in den Bauch und der Doktor spritzte mir drei verschiedene Ladungen Flüssigkeit in den Schlauch, an den eigentlich die Thoraxdrainage angeschlossen ist. Ich legte mich ins Bett und schrieb dem befreundeten Onkel: „Stell Dir vor, sie haben mir ein Antibiotikum gespritzt, damit sich was entzündet!“. „Ist ja irre.“, stimmte der mir zu. Nach ein paar Minuten fing es in meiner Schulter an zu stechen und im unteren rechten Rippenbogen an zu schmerzen. Dann wurden die Schmerzen, vor allem an den Rippen stärker und stärker. Ich ging zum Stationszimmer und sagte Bescheid. Da sie hier mit Schmerzmitteln nicht geizig sind (was ja richtig ist und auch ein netter Service für die Drogenabhängigen unter den Mitpatienten) war ich guter Dinge, dass ich schnell geholfen bekommen würde. Die Schwester gab mir eine Spritze. Die Schmerzen wurden aber nicht besser sondern schlimmer. Ich erschrak über das Ausmaß und merkte, dass ich vor Schrecken nicht mehr richtig atmete. Ich versuchte, mich anders hinzustellen, hinzulegen etc., was aber alles nichts half. „ich habe gerade den schmerzafall meines lebens“, schrieb ich dem befreundeten Onkel. Die Schmerzen wurden stärker und ich merkte, dass ich Schwierigkeiten hatte, auszuatmen und auch nicht mehr richtig sprechen konnte. Ich ging wieder zum Stationszimmer. „Wir warten noch ein paar Minuten, bis wir Ihnen noch was geben, das Mittel, was wir Ihnen gespritzt haben, ist schon sehr stark sagte die nette Schwester. Ich ging zurück in mein Zimmer, versuchte, mich hinzulegen, was aber subjektiv die Atemnot noch verstärkte und lief wieder zum Stationszimmer. „Laufen Sie doch nicht immer hier rum, und klingeln Sie gefälligst, wenn Sie was wollen, das machen Sie doch sonst auch immer“, sagte eine (die einzige hier) sehr unfreundliche Schwester (ist zwar gerade nicht das Thema: aber diese Frau muss eine schlimme Kindheit gehabt haben, wie muss man denn drauf sein, um zu Leuten, die gerade erstickend vor einem stehen, so unfreundlich zu sein, ab gesehen davon klingele ich eigentlich nie). „Ich kann mich nicht hinlegen, dann kann ich nicht atmen“, presse ich empört hervor. Bei allem konkreten Elend bringe ich doch genug Energie auf, über die Unprofessionalität der Dame erstaunt zu sein. Leute, die denken, von einem akuten Erstickungserfall betroffen zu sein, legen sich nicht in ihr Bett und klingeln nach jemandem, der allen Erfahrungswerten zufolge dann in fünf bis zehn Minuten kommt. Das müsste diese fiese Else wissen.

Der Doktor kommt und regt auch an, ich solle doch zurück in mein Zimmer gehen. Ich werde angewiesen, mich ins Bett zu legen und man beruhigt mich: Sie werden mir jetzt noch mehr Schmerzmittel geben und alles wird gut. Ich bin inzwischen panisch. Denn ich kann zwar einatmen aber, so fühlt es sich zumindest an, nicht mehr ausatmen und ich habe starke Schmerzen. Ich fange an zu schwitzen und atme stöhnend aus. Ich kann ja eine ca. 40jährige Erfahrung mit Asthmanfällen und anderen Atemproblemen aufweisen, aber sowas habe ich noch nie erlebt: „wahhhhhhh“, „waaaaaaaaaaaah“, stöhne ich die ganze Zeit. „Vielleicht sterbe ich ja“, denke ich. Das kommt mir gar nicht so schlimm vor, ich habe nicht die Kraft, mich darüber aufzuregen, das größere Problem sind die Schmerzen.

Um mein Bett herum entfaltet sich einige Aktivität. Der Doktor sagt, ich werde nicht sterben, das Problem seien nur die Schmerzen, der Sauerstoffgehalt im Blut ist gesunken aber noch gut, man werde mir jetzt noch mehr Schmerzmittel geben und dann werde es besser werden, „wahhhhhh, wahhhhh“ mache ich und presse soviel Luft aus meiner blockierten Brust heraus, wie ich kann. Eine junge Ärztin kommt, spritzt mir etwas und sagt das sei doch nicht normal. Noch mehr Ärzte kommen, irgendwann stehen die drei Oberärzte und der Chefarzt da. Ich mache „wahhhhh“ und erkundige mich noch mal, ob ich sterben werde. „Es sind nur die Schmerzen“, sagen die Ärzte. Ich habe inzwischen vor Angst ins Bett gepinkelt, was mir aber egal ist und freue mich, dass so viele Leute nach mir gucken. Gleichzeitig sagt mir der verbliebene Verstand, dass ich ja Kassenpatientin bin und es daher ein beunruhigendes Zeichen sein könnte, wenn die vollständige Klinikleitung um mein Bett herumsteht und besorgt aus der Wäsche schaut. Ich bekomme einen kleinen Tropf mit Schmerzmitteln und auf einmal fühle ich eine leichte Entspannung. Ich kann ein bisschen Luft ausatmen ohne zu pressen. Und langsam, nach und nach, kann ich immer mehr ausatmen. Die Schmerzen sind schlimm, aber ich kann etwas ausatmen und etwas mehr. An meinem Bett stehen auch nicht mehr so viele Leute. Der Doktor sagt, ich solle mich auf die Seite legen, es wird noch etwas besser und er geht auch. Wie sagt man auf Neudeutsch: finally the drugs kick in! Ich liege jetzt auf der Seite, in meinem Pipi, was mich immer noch nicht stört und denke, dass Glück doch wirklich relativ ist. Ich bin so froh, dass die Schmerzen weg sind und ich nicht erstickt bin. Nach einer halben Stunde sitzt der besorgt herbeigeeilte befreundete Onkel an meinem Bett und es wird doch noch ein netter Nachmittag.

Advertisements

4 Kommentare zu “Gestern war es erst nicht gut

  1. Meine Güte, Onkel Maike! Das ist ja furchteinflößend!
    Dich zu bemitleiden bringt nix, aber mein Mitgefühl hast Du in jedem Fall, Du tapfere Superheldin!
    Leider schreibst Du so verteufelt gut, dass ich zwischendurch beinahe geneigt war, Dich trotz aller Schmerzen und Angst zu beglückwünschen. Das mach ich jetzt trotzdem. Glückwunsch auch zum überstandenen Leid und jetzt reicht´s auch mal. Sag das dem Wander-Doktor. Die sollen Dich in Frieden lassen, und die Else soll mal ein bisschen entspannen. Sollen sie ihr Drogen geben.

    • och, ja Lob von Dir ist besser als Mitleid, danke! bei der Schwester musste ich an Deine Erfahrung denken und dachte: hoffentlich sind das alles nur so singuläre Ausnahmeentscheidungen. Ich glaub aber, die war schon auf Entzug – wie wird man denn sonst so ätzend.

  2. Es gibt Situationen im Leben, da ist man himmelhochjauzendzutodebetrübt. So geht es mir wenn ich deine Schilderungen aufsauge. Du kannst echt spannend schreiben, ich lache, ich weine, ich fühle mit dir und kann wenig Trost spenden. Aber wenn die Zicke von Schwester mal wieder Dienst hat, ignorier sie denn: Du musst nur noch kurz mit ihr klar kommen, sie mit sich selbst ihr ganzes Restleben lang.

    • Oh, danke für die liebe Rückmeldung, von einer Person mit soviel Geschmack freut es mich um so mehr. Die Schwester hat sich inzwischen einigermaßen entschuldigt, so gesehen. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s