Angst bedeutet, dass man lebt

Eigentlich kann ich es hier im Krankenhaus ganz gut aushalten. Mit den Mitpatientinnen habe ich Glück und alle Leute, die hier arbeiten, sind freundlich zu mir. Die Idee, den Physiotherapeuten zu heiraten, habe ich verworfen. Erstens wäre es dem befreundeten Onkel schwer zu erklären gewesen und auch sonst.

Gestern drohte ein langweiliger Tag zu werden, da außer einem Röntgenbild und Warten auf Untersuchungsergebnisse nichts anstand. Allerdings ergab das Röntgenbild dann, dass ich eine neue Thoraxdrainage brauchte, da die alte verrutscht war. Schon war mir nicht mehr langweilig. Ich wurde in die Bronchoskopie geschoben, wo ich mit den OP-Assistenten eine Zeitlang auf den Doktor warten musste. Die drei waren ein netter Haufen und wir lästerten ein wenig über die Frisur des Doktors (an den Seiten rasiert, ungefähr wie ein Hitlerjunge). „Die Frisur ist nicht gut“, sagte ich. „Nein, wirklich überhaupt nicht“ („Sowas von Neunziger“), stimmten sie mir alle zu. „Aber sagen Sie ihm das nicht, das bringt nichts.“ Ich versicherte, dass ich nicht vorgehabt hatte, den Doktor auf seinen Haarschnitt anzusprechen und fragte überrascht, ob sie das denn etwa schon getan hätten. „Mehrfach“ beteuerten sie, aber er sei da einfach beratungsresistent.

Irgendwann kam der Doktor dann selber und ich fragte ihn, was für ein Narkosemittel ich bekommen würde. (Ich wollte sicher gehen, dass es nicht noch mal Pferdebetäubungsmittel gibt). „Gar keins“, antwortete der Doktor und präsentierte mir eine große Spritze mit 15 cm langer Kanüle von ca. einem halben Milimeter Breite: „Ich betäube Sie nur lokal.“ Die Aufgabe bestand darin, von oben, unterhalb des rechten Schlüsselbeins angesetzt, einen Schlauch in den Spalt zwischen Lunge und Rippenfell zu führen, damit dieser dann dort die Luft absaugen kann. Und die Stelle, an der das passiert, muss vorher betäubt werden. Im Grundsatz keine große Sache, aber da an den Rippen die Nervenbahnen verlaufen kann es schon mal komisch zwicken und drücken an ganz anderen Stellen, als wo der Doktor gerade sticht und wo die Betäubung ist.

Ich schaue mit großen Augen auf die große Spritze und sage: „Ich hab Angst.“ „Ah, das ist gut“, entgegnet der Doktor zufrieden, „Angst bedeutet, dass Sie leben“. Alle im Raum gucken sich verdutzt an. Die Sichtweise ist ja nicht falsch aber doch ungewöhnlich. „Schmerzen bedeuten auch, dass ich lebe“, sage ich mürrisch und füge hinzu, dass der Doktor doch, wenn er keine Lust mehr habe, in der Lungenklinik zu arbeiten, einfach in die Psychiatrie wechseln und da Angstpatienten beraten solle. „Nein, wenn ich kein Thoraxchirurg mehr sein will, werde ich Wanderprediger“, sagt der Doktor. „Das steht schon fest.“

Dann schiebt er mir die Spritze und danach einen Schlauch in den Thorax, ich quietsche und stöhne ein paar Mal verängstigt („Jesus“, ächze ich. „Ja, Jesus“, bestätigt der Doktor), weil es so gruselig drückt und dann ist auch schon alles vorbei.

 

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3 Kommentare zu “Angst bedeutet, dass man lebt

  1. Örks.
    Eigentlich woltte ich jetzt „Du Arme“ schreiben, aber dann dachte ich: toll, was Du so erlebst und noch toller, wie Du davon erzählst.
    Ist denn jetzt die Luft draußen und das Befinden besser?
    Wenn ja, hoffe ich sehr, dass das so bleibt und Du bald wieder draußen bist.

  2. Ich versuche halt im Schrecklichen das Interessante oder auch das Freundliche zu sehen. Und es könnte alles ja auch noch viel schlimmer sein. Ja, der Arzt hat mir komische Flüssigkeit aus der Lunge gesaugt und das akute Problem ist auf dem aufsteigenden Ast. Vielleicht operieren sie mich noch, das kommt noch drauf an. Mein Grundproblem mit der kaputten Lunge werden sie nicht beheben können, aber es wird schon irgendwie weiter gehen.

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