Ich bin im Krankenhaus

Und das kam so: Gerade war ich in der Kneipe eingetroffen, um dort Karten zu spielen (und nicht etwa zum Trinken, was sich im Laufe des Abends noch als kluge Entscheidung herausstellen sollte), als ich ein komisches Stechen im Rücken fühlte. Erst dachte ich, oh eine spontane Verschlimmerung meiner Bronchitis, ich gehe besser morgen mal zur Hausärztin. Aber irgendwie konnte ich zunehmend gar nicht gut atmen und mitten in der zweiten Runde des Skatabends entschloss ich mich zu einem Ausflug in die Notaufnahme des nächstgelegenen Krankenhauses. Dort wurde ich zwecks Patientenandrangsreduzierung erstmal an den hausärztlichen Notdienst nebenan verwiesen. („Die Penner haben mich nicht ernst genommen und erstmal zum Notdienst nebenan geschickt“- „Du darfst halt nicht immer so fröhlich wirken.“) und von dort, da in meinem rechten Lungenflügel keine Atemgeräusche festzustellen waren, wieder zurück zur Notaufnahme. Da wurde mir dann von einer freundlichen, etwas übermüdet wirkenden Ärztin mit blondem Zopf ein Pneumothorax diagnostiziert. Pneumothorax bedeutet, dass ein Lungenbläschen geplatzt ist, wodurch Luft in den Raum zwischen Zwerchfell und Rippenfell gelangt, woraus ein Unterdruck ensteht und der betroffene Lungenflügel in sich zusammenfällt (die gute Nachricht: ich kann offensichtlich auch mit nur einem funktionierenden Lungenflügel passabel Skat spielen). „Dann müssen Sie jetzt leider hier bleiben“, sagte die Ärztin und schickte mich in den Nachbarraum zur Notfallchirurgin. Einen Pneumothorax behandelt man nämlich, indem man einen Plastikschlauch in die Lunge schiebt, durch den die Luft zwischen Zwerch- und Rippenfell wieder entweichen kann. Während die Ärztin und ihre Assistentinnen die Operation vorbereiteten, saß ich recht vergnügt und gelöst auf meiner Krankenliege und machte mit dem befreundeten Onkel ein paar Scherze. Als erfahrene Asthma- und Lungenpatientin bin ich immer schon froh, wenn erstens die Ursache meiner Beschwerden klar diagnostiziert ist und zweitens ersteres auch ernst genommen wird, denn das ist keineswegs selbstverständlich. „Wir geben Ihnen jetzt ein Schmerzmittel und ein Schlafmittel und dann wachen Sie in ungefähr 20 Minuten wieder auf“, sagte die Chirurgin.

Was dann folgte, war, völlig unverhofft, die erste Drogenerfahrung meines Lebens. Als Betäubungsmittel hatte mir die diensthabende Anästhesistin nämlich Ketamin gespritzt. Ketamin ist (wie ich jetzt weiß, da ich natürlich schnell bei Wikipedia nachgelesen habe, danke, Patienten-Wlan) ein in der Notfallchirurgie häufig eingesetztes Betäubungsmittel, da man es auch betrunkenen und anderen labilen Patienten verabreichen kann, weil es im Gegensatz zu anderen Betäubungsmitteln nicht zu einer Schwächung des Atemreflexes führt. Ich hatte von Ketamin bis dahin nur in seiner Eigenschaft als Pferdebetäubungsmittel bzw. Partydroge gehört. In einem meiner Lieblingsfilme „Brügge sehen und sterben“ kommt in einer Szene ein kleinwüchsiger Mann vor, der berichtet, es gerade genommen zu haben. Anstatt nach der Betäubung einfach aufzuwachen, hatte ich Halluzinationen und den Eindruck, neben mir zu stehen. „Ich hab das Gefühl, ich bin verrückt geworden“, sagte ich zur Schwester, die mich zum Röntgen fuhr. „Neenee“, beruhigte sie mich, „das ist das nur das Schmerzmittel“. „Du warst empört, dass sie Dir einfach Drogen gegeben hatten und tatest das auch kund.“, erzählte der befreundete Onkel am nächsten Tag, „das hätten Sie Dir ja tatsächlich ruhig vorher sagen können.“

Aber ich will mich mal nicht beschweren. Jetzt bin ich hier im Krankenhaus und es gibt wenig Grund zum Ärgern. Das A und O für einen gelungenen Krankenhausaufenthalt sind ja die Zimmernachbarinnen. In meiner Krankenhauskarriere hatte ich es überraschend häufig mit älteren, verdrießlichen Damen zu tun, die mit mir darum konkurrierten, wer von uns beiden die bessere Patientin sei (und ich konnte dabei natürlich nie gewinnen). „Omas als Zimmerkolleginnen sind immer schrecklich“, sagt meine jetzige Bettnachbarin Begüm, als ich ihr von meinen leidvollen Erfahrungen erzähle „entweder Sie starren Dich feindselig an oder sie labern Dich voll“. Hier im Franziskushospital gibt es ein Adipositaszentrum und es kommen viele Frauen, um zur Gewichtsreduzierung eine Magenverkleinerung vornehmen zu lassen. Und meine nicht repräsentative Stichprobe ergibt, dass diese Frauen zu Hunderprozent angenehme Zeitgenossinnen sind. „Dicke Leute sind halt nett“, entgegnet Begüm (die gar nicht so dick ist und ihre Magenverkleinerung deswegen selber bezahlen musste) auf meinen begeisterten Zuspruch hin.

Morgen ist dann voraussichtlich Schluss mit den netten Zimmernachbarinnen. Ich werde ins Klinikkum Mehrheim verlegt. Dort haben Sie ein Lungenzentrum und ein paar kompetente Ärzte, die mir die Lunge operieren werden, damit ein Pneumothorax nicht noch mal vorkommt. Ich habe etwas Angst, da meine Lunge in ziemlich marodem Zustand ist, was das Komplikationsrisiko erhöht und die Schmerzen nach so einer Operation nicht schön sind. Andererseits hat das Krankenhaus einen guten Ruf und ist nicht geizig mit morphinhaltigen Präparaten. Zusammen mit Patienten-Wlan und vielen Besuchen des treuen befreundeten Onkels ergibt das sicher insgesamt eine ganz nette Reise.

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4 Kommentare zu “Ich bin im Krankenhaus

  1. Hab diesen Beitrag erst nach dem aktuellesten gelesen. Das stand´s ja mit dem Pneumothorax, dem Lungenbläschen und dem ganzen Mist.
    Bestimmt holst Du Dir eine zweite Meinung, oder?
    Vor allem wegen der Operabilität (gibt´s das Wort?). Man liest ja, dass es neue Methoden gibt, Anrauung Zwerchfell und so, die da was möglich machen beim spontanen Pneumothorax.
    Ich schick Dir jedenfalls was von meinem Katastrophenglück, oder wie Annika so treffend schrieb: erst wird alles ganz schlimm, und dann wird es gut.

    • du kennst dich aber gut aus. momentan machen sie hier noch tests und dann schauen wir mal. in dem krankenhaus, in dem ich vorher war, hätten sie mich, wenn ich nicht widerspruch erhoben hätte, einfach operiert. unglaublich eigentlich.

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