Meine Burkini-Figur

Eigentlich wollte ich mich zur Burkaverbotsdebatte nicht äußern. Jeder, auch noch so kluge, Beitrag zu dieser Diskussion ist nämlich einer zuviel. Denn wir haben es hier, wie alle, die nicht total bescheuert sind, wissen, mit einer Scheindebatte zu tun: „Oh, ein Burkaverbot, fantastische Idee, das wird die Burkaträgerinnen in Deutschland aber alle beide mächtig ärgern!“, bringt es der Postillon auf den Punkt.

„Oh, keineswegs!“, würden populistische Apologeten wie Jens Spahn und andere [hier bitte Beschimpfung, die Beleidigungstatbestand erfüllt, selber einfügen, ich will schließlich nicht enden wie Jan Böhmermann] entgegnen: „Es geht nicht um die Burkaträgerinnen, es geht darum, dass Burkas die Unterdrückung der Frau symbolisieren.“ So weit so verlogen, aber darüber hinaus ist es meines Wissens hierzulande auch nicht verboten, die Unterdrückung der Frau zu symbolisieren. Der Staat darf das tatsächlich nicht, Bürgerinnen und Bürger aber sehr wohl. Das ergibt sich aus der Meinungs- und Kunstfreiheit. Ich dürfte mir unsanktioniert ein T-Shirt anziehen, auf dem stünde: „Ich bin für die Unterdrückung der Frau und lasse mich auch selber gern unterdrücken.“ (Oder übersehe ich da irgendeinen Paragraphen des Strafgesetzbuchs?) Damit ist aber auch noch längst nicht die Frage geklärt, ob und wie Burkas (und Nikabs und andere Formen der Vollverschleierung) die Unterdrückung der Frau symbolisieren bzw. diese tatsächlich unterdrücken. Es gibt Frauen, die sagen, sie trügen den Nikab aus freier Entscheidung. (Dass ich persönlich das nicht gut nachvollziehen kann, muss ja nicht heißen, dass es nicht stimmt, ich habe eh nicht so viel Phantasie und kann auch andere Sachen nicht nachvollziehen, z. B. wenn Frauen sich ihre Schamlippen chirurgisch stutzen und begradigen lassen oder die Schönheittsipps von Bibis Beauty Palace befolgen.)

Aber um die Frauen selber geht es „uns“ ja nicht. Die werden nur selten gefragt, in der Regel nicht mit ihnen, nur über sie gesprochen:

„Auf diese Weise hat man viel gelernt über die Leute. Nicht den Ausländer. Aber über die Deutschen. Der Kopftuchdiskurs – von einem Gespräch kann wahrlich nicht die Rede sein – ist eine Debatte, in der es keine Sekunde lang um die Muslime geht. Er erzählt immer nur davon, was der Nichtmuslim denkt, fühlt, vermutet und wovon er sich bedroht oder beleidigt sieht.“,

schreibt Mely Kiyak in ihrer aktuellen Kolumne in der Zeit (Mely Kiyak ist  wirklich klug, heutzutage ist die Maßeinheit für politische Klugheit im Internet bekanntlich die Menge der Hasskommentare unter einem Posting, und ihre Artikel haben immer die meisten von allen).

Die ganze Debatte sagt also was über uns (auch wenn es das „uns“ gar nicht gibt, aber versuch das mal der AfD zu erklären), und zwar, dass wir gar nicht so nett, aber auch gar nicht so klug sind. Schauen wir uns die beiden deutsche Burkaträgerinnen doch mal genauer an. Stellen wir uns vor, die eine hat sich, terrorisiert von ihren Klassenkameradinnen, die alle wie Bibi von Bibis Beauty Palace aussehen, entschlossen, den ganzen Wahn nicht mehr mitzumachen und sich lieber unter einer Burka zu verstecken, trägt sie also freiwillig. Die andere wird hingegen von ihrem Mann dazu gezwungen.

Keiner der Zweien wird mit einem Verbot geholfen, im Gegenteil. Frauen zu zwingen, sich zu verschleiern, ist ja bereits verboten. Indem jetzt aber die Frau selber, also die vom Zwang Betroffene, sanktioniert wird, verlagert sich die Aufmerksamkeit von dem, der tatsächlich bestraft werden sollte , auf das Opfer (vielleicht nicht tatsächlich, da es ja kaum Betroffene gibt, aber ja doch in den Diskursen, unseren Bildern und Repräsentationen). Und es geht nicht darum, wie Frauen (und Männern), die sich aus patriarchalen, unterdrückerischen Strukturen befreien wollen, geholfen werden kann. Was werden die von einem Nikab-Trägerinnen nach einem Nikab-Verbot wohl tun? Den Nikab ausziehen? Oder doch eher einfach noch weniger vor die Tür gehen? A propos weniger vor die Tür gehen. Auch mir persönlich scheint das zunehmend eine attraktive Option zu sein. Alles wird immer komplizierter. Früher war es verboten, zu nackt zu sein. Heute ist es verboten zu angezogen zu sein, zum Beispiel am Strand in Frankreich ist der Burkini jetzt verboten. Herzerfrischend die Szene, wie eine Frau, die etwas anhat, was ungefähr aussieht, wie ein Surfanzug  (oder ungefähr das, was ich wegen zu heller Haut am Strand anhätte), von vier schwer bewaffneten Männern dazu gezwungen werden soll, sich auszuziehen.

Zu nackt darf es nicht sein, zu angezogen aber auch nicht mehr. Und damit ist es nicht getan. Wieviel eine Frau an- oder ausziehen soll, hängt darüber hinaus von ihrer konkreten Beschaffenheit ab. Zu alt, zu schwabbelig, das ist nicht erwünscht. Wenn ich mich aus meinem Burkini geschält habe, muss ich erstmal überprüfen, ob ich auch die passende Bikini-Figur habe, sonst drohen mir im Freibad zwar keine Sondereinsatzkommandos aber doch soziale Sanktionen. Und nach sechs Monaten Fitness-Studio darf ich nicht vergessen, mir sämtliche Nicht-Kopfhaare abzurasieren. Mir ist das alles zu doof, ich wandere aus: Nach Burkini-Faso.

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2 Kommentare zu “Meine Burkini-Figur

  1. Pingback: Esper | kreuzberg süd-ost

  2. danke für deine gedanken. auch ich habe mich gefragt, sollte unsere gesellschaft das demonstrative zeigen der «aufgezwungenen» attribute wie facelifting, botox unter allen falten etc nicht grundsätzlich/grundgesetzlich verbieten?! mit … gruss. barbara

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