Und Ihr so?

Ich so, habe zunehmend das Gefühl, nix mehr zu sagen und schreiben zu haben. In meinem vorletzten Eintrag jammerte ich herum, dass sich das ja auch nicht mehr lohne, da außer mir nahezu niemand mehr redlich argumentiert und der Untergang der Welt sowieso nicht mehr aufzuhalten ist. Eine Kolumne zum Thema, die mir gut gefiel, fand ich bei meinen Feinden von Spiegel-Online. Georg Diez beklagt dort den Untergang der habermasianischen Diskursethik (zumindest für den Bereich der Talkshows): „Was passiert, wenn die Kommunikation gekapert wird von Leuten, die sich den Grundlagen von Fairness und Rationalität verweigern?“

Was nun aber, in Zeiten wo mehr Wissen und Austausch, die ja keinem Nutzen mehr zugeführt werden können, nicht lohnen und nur traurig machen, den ganzen Tag tun? Mir scheint, es bleibt nur der Rückzug ins Private, radikal Individualisierte. Aufklärungsgläubig wie ich immer war, schien mir bislang die Epoche der Romantik, begriffen als Gegenbewegung zu Klassizismus und Rationalismus, ungehörig und der näheren Auseinandersetzung unwürdig. Soll Werther sich doch erschießen, uninteressanter Typ, und blaue Blumen kann ich mir auch nicht vorstellen.

Seit ich aber begreife, dass es in der öffentlichen Sphäre nichts mehr zu holen gibt, versuche ich mich, mit dem Gedanken des Rückzugs ins Private anzufreunden. Das fällt mir allerdings schwer, was  auch damit zu tun hat, dass ich persönlich langweilig bin. Bis auf die Ereignisse, die zu peinlich sind, als dass sie irgendwer wissen sollte, passiert in meinem Leben nichts Interessantes.

Höchstens wüsste ich zu berichten, dass ich letzte Woche entdeckte, dass mir auf der linken Wange schräg unterhalb des Mundwinkels ein Barthaar gewachsen ist. Es war circa einen Zentimeter lang und ich habe den längsten Teil herausgerissen. Die Wurzel erwischte ich jedoch nicht und eine kleine Borste von einem halben Milimeter länge blieb stehen. Immer jetzt, wenn abends im Bett liege oder auch tagsüber im Büro, niemals aber, wenn gerade eine Pinzette zuhanden wäre, fällt die Borste mir wieder ein und ich piddele an ihr herum und bemühe mich, sie herauszureißen. Das klappt aber nie, weil sie dafür zu kurz ist. Während der vergeblichen Versuche gräme ich mich und mutmaße, dass, wenn ich transsexuell wäre, ich mich vielleicht über mein erstes Barthaar freuen würde. Dann wiederum hadere ich mit meiner Verhaftetheit in der heteronormativen Matrix und den damit einhergehenden überkommenen Schönheitsidealen. Frauen sollten genau wie Männer mit Freude einen Bart tragen können (Hier: Interessanter Artikel zum Thema „Sarah Palin’s Mustache, in der viktorianischen Zeit scheinen Frauenschnauzbärte einigermaßen normal gewesen zu sein.).

Das ist alles trostlos. Werde ich mich endlich aufgerafft haben, das Barthaar auszureißen, wird ganz und gar nichts mehr los sein in meinem Leben. Freude spenden mir da Leute, die das mit dem Reden und Schreiben noch nicht aufgegeben haben und es auch noch so gut können, wie zum Beispiel Mely Kiyak, hier auf Zeit.de, mit einem herzzerreißend guten Boris Palmer-Bashing.

 

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6 Kommentare zu “Und Ihr so?

  1. Hallo Onkel Onkel,
    ich finde schon dass es etwas zu sagen gibt und du dies tust. Deshalb tut mir deine schwarz getrübter Beitrag irgendwie leid. Ich erlebe die gegenwärtigen Zeiten so politisch wie lange nicht mehr. Es gibt so viele Probleme dass es einen Ruck gegeben hat sich diesen entgegen zu stellen. Zumindest bei mir. Die Probleme irgendwo weit weg gab es ja schon länger, da war es bequem sich zurückzulehnen und darüber zu schwelgen. Auf der Wirtschaftsinsel De-tschland war es einmal mehr einfach. Zumindest soweit du nicht zur Underclass der Hartz IV Industrie gehört hast oder als Geflüchtete_r völlig entrechtet zur Reglosigkeit verdammt zu sein schienst. TTIP, weit weg. Treibhauseffekt, endlich mehr wärme. Doch diese Zeiten sind doch vorbei.

    Aber irgendwie hast du recht, es wird auch zum Teil weniger geredet. Die Tage, Monate sind von einem seltsamen Aktivismus geprägt. Rausgehen, auf die Straße, zur Diskussionsveranstaltung. Was tun, dagegen, dafür, damit. Vielleicht sagsst du mit deinem Beitrag viel mehr – und zwar dass gerade Zeit fehlt zur Entschleunigung, sich tatsächlich mal wieder die Zeit im Ohrensessel zu gönnen um einfach mal eine Woche über ein Thema zu senieren ohne dass einen irgendwas aus der scheiße da draußen wieder überrollt. Silvester. Glatzen-Mobs oder oder und und und.
    Alles Liebe!
    Keep Your Fingers Crossed!

  2. Liebe Cousine Gesine 🙂

    Danke für den netten Kommentar. Ich tue mir auch etwas leid, weiß aber natürlich, dass es sich dabei um Jammern auf sehr hohem Niveau handelt und natürlich ist der Beitrag auch nicht ganz unwesentlich humoristisch gemeint.
    Ich würde Dir in allem zustimmen. Die Zeiten sind tatsächlich „politischer“. Aber der Umgang wird auch rauer und die politischen Mittel immer unmoralischer, scheint mir, der Diskurs immer mehr zu einem, der den Namen nicht verdient hat. Was nützt es mir, wenn ich etwas zu sagen habe und niemand darauf aufrichtig antwortet – außer denjenigen, die mir (oder Dir) eh schon zustimmen? Die Dreistigkeit der Lügen von AfD, CSU, Boris Palmer und Konsorten erschüttern mich.
    Ja, und der Treibhauseffekt – für uns tatsächlich eine angenehme Sache 🙂 Sich mal zurücklehnen kann wirklich nie schaden und ansonsten einfach weitermachen, nicht wahr?

    Beste Grüße!!!

  3. Ich lese wirklich sehr gerne hier, sage aber selten was. Außer neulich. Mir fällt eigentlich weiter gar nichts ein, außer zu sagen, dass ich gerne hier lese (s.o.).
    Hälst Du uns weiter auf dem Laufenden, was aus dem Barthaar geworden ist?

    Schöne Grüße aus Kreuzberg süd-ost

    • Hallo, das ist aber mal ein Kompliment, das mir wirklich das Herz erwärmt. Ich kann es sogar zurückgeben, Deinen Blog lese ich auch regelmäßig und gerne und hab auch noch nie kommentiert.
      Das Barthaar führte zu einer E-Mail meiner Mutter, in der sie berichtet, in jüngeren Jahren auch einmal ein solches (allerdings wesentlich längeres) gehabt zu haben. Sie fand das wohl recht verstörend!

      • Himmel, jetzt sind es schon zwei Barthaare! Miteinander verwoben durch die Genealogie. Wer weiß, vielleicht musst Du nur eine Lupe zur Hand nehmen, die alten schwarz-weiß-Fotografien der Ahnen untersuchen und Du wirst feststellen, dass das Barthaar sich, sozusagen als roter Faden, durch die gesamte mütterliche Linie zieht, die zurück geht bis zu Karl dem Großen, auf den auch meine Familie zurückgeht. Auch ich habe wiederkehrend ein Haar im Gesicht, das da nicht hingehört, allerdings so spinnwebenfein ist, dass ich es immer erst bemerke, wenn es schon 2 cm lang ist und lustig im Sonnenlicht flattert.
        Möglicherweise erklärt das auch, warum wir so gerne beieinander lesen. So ein Zufall!
        Schönen Gruß an die Mutter!

  4. Bevor wir zum ernsten Teil kommen:

    Als älterer Mensch, der in seinem Leben schon des öfteren mit Frauen liebevollen Umgang pflegte, andeute ich hier nur kurz das Phänomen des weiblichen Brusthaars ( Singular!)

    Wann immer ich mich frage, ob ich im Umgang mit dem anderen Geschlecht auch nur irgendwas, irgendwann richtig gemacht habe ( naturgemäß fast immer nie) – in diesem, sich über Wochen hinziehend gehabt habenden Fall ( die deutsche Grammatik als Risikosportart ist völlig unterschätzt) – war ich glaube ich gut.

    And now for something completely different:

    Habermas etc..
    Und die Verabscheuung der deutschen Romantik.

    A.
    Werther gehört eher nicht in diese Romantikschiene. Als diese Jungs und Mädels agierten, war Goethe ein alter Sack und man hatte wexelseitig wenig Verständnis füreinander, wie es sich gehört.

    B. Viele Stilmittel dieses Textes und auch der Deinigen, oh Onkel, wurden, so glaube ich, just dort, von jenen, erfunden ( der ironische Einschub, überhaupt Ironie)

    C. Die Menschen, wir mögen sie gutfinden oder nicht, haben aber alle alle alle ein Herz.
    Das, im Sinne der Diskursethik außer acht lassen zu können glauben zu wollen ( die deutsche Grammatik ist ein bisher unbezwungener Berggipfel, die Luft oben ist dünn, sehr dünn, aber irgendwer MUSS da hoch) ist glaub Quatsch.

    Und es gibt! Viel zu tun!
    Boar ey.

    Mal schön zusammenreißen!
    Arsch hoch! Aber zackich!

    Es GIBT solche Momente wo man sich fragt und bla.

    Und es gibt jenseits von Facebook und Twitter, über die ein Teenager namens Tay in sehr kurzer Zeit ziemlich viel herausfand ( gugln, wem das nix sagt, kein Bock jetzt hier noch den Link) andere Orte.

    Unter anderem so kleine lauschige Plätzchen wie diesen.

    Freundlicher Nachtgruß.

    O.

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