Karneval

Ich bin im Karnevalsfieber. Das kam durch Zufall. Aufgrund unerwarteter Umstände gelangte ich an eine Freikarte zur Prunksitzung der Kölner Karnevalsgesellschaft „Nippeser Bürgerwehr 1903“, auch bekannt als „Appelsine Funke“, im Maritim Hotel. Aus eigenem Antrieb und selbstfinanziert wohnte ich einer solchen Veranstaltung natürlich nie bei: „Dafür, dass ich mir Guido Cantz anhöre, müsste mir noch Geld bezahlt werden und nicht umgekehrt,“ würde ich arrogant pöbeln. Wird mir aber für umsonst die Gelegenheit verschafft, am rheinischen Karnevalsbrauchtum durch teilnehmende Beobachtung ethnographische Studien anzustellen, komme ich begeistert kreischend herbeigehüpft.

Und auf solchen Sitzungen herrscht nun einmal Kostümzwang. Je älter und dicker ich gefühlt werde, desto weniger Spaß habe ich allerdings am Verkleiden. Der strukturelle Sexismus in unserer Gesellschaft besagt halt, dass das Kostüm der Dame nur vordergründig der „Verkleidung“, hintergründig aber der Herausstellung der eigenen Sexiness zu dienen hat. (Ja, so echte selbstbewusste Frauen würden das sicher anders sehen, aber zu der Gruppe gehöre ich bekanntlich nicht). Um die Stichhaltigkeit dieser Aussage zu validieren, genügt ein Besuch der Homepage von Kölns größtem Kostümgeschäft, „Deiters“. Mensch vergleiche einmal die Kostüme in der Kategorie Tiere – Damen“ mit denen der Kategorie „Tiere – Herren“. Die Männerkostüme, ganz gleich welcher Spezies, von Hase über Gorilla bis zum Huhn, wurden vom Kostümdesigner sämtlichst in der Form des sackhaften Schlabberoveralls interpretiert. Bei den Frauen ist es umgekehrt. Ganz und gar gattungsunabhängig, ob Katze, Cobra oder Hai, weibliche Tiere haben entweder Miniröcke an, die so kurz sind, dass sie auch ausgezogen bleiben könnten oder hautenge Leggins. (Nur bei den Drachen ist es anders, die tragen auch bei den Damen Schlabberlook).

Und so surfte ich verzweifelt über die vor frauenverachtender Ikonographie nur so strotzenden Internetseiten von Deiters, als ich glücklicherweise auf den Reiter „Trachten“ und damit an die rettende Idee geriet: Ich kaufe mir eine bayerische Sepplhose und gehe als Horst Seehofer! „Ja, aber Onkel Maike, ‚Horst Seehofer‘, das ist doch auch nicht gerade ein Sexy-Kostüm!“, könnten aufmerksame Lesende jetzt einwenden. Das stimmt natürlich, im Gegenteil, genau genommen fühle ich mich in meiner neuen Tracht (ich habe auch noch ein kariertes Hemd und einen grünen Tirolerhut erworben) sogar eher wie Horst Seehofer, der Peter Altmeier zum Frühstück gegessen hat. Aber für Männer gelten eben andere Regeln. Daher habe ich, zack!, durch Geschlechtswechsel dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen. Und mein Freund freut sich über den fröhlich krähenden bayerischen Burschen, der seit heute morgen bei ihm im Wohnzimmer sitzt.

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5 Kommentare zu “Karneval

    • Nee, leider nicht. Mein ganzes Sprachdialektzentrum ist mit dem Kölsch besetzt, das ich Hannoveranerin mir hier in 15 Jahren mühsam angewöhnt habe. Ist aber echt ein Kostümfehler.

      • Vielleicht können Sie das kleine Manko kaschieren, indem sie statt Gaffel Weihenstephan oder besser noch Augustiner trinken und dazu recht herzlich und laut loachn.

      • Dann halten Sie sich vielleicht an die rote Domina (Rebsorte), oder trinken Sie einen Silvaner. Das zeigt, dass Sie dazu g´hörn.
        Viel Spoaß wünsch ich all´weil!

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