Kinder, wir müssen reden!

Der alte Onkel Maike kommt mit dieser Welt zunehmend nicht mehr so gut zurecht. So ganz im allgemeinen und im besonderen mit der immer weiter erodierenden Diskussionskultur. Aus einer protestantischen, emotional etwas unterbelichteten LehrerInnenfamilie stammend, wurde er früh mit dem Prinzip vertraut gemacht, dass es im Leben vor allem anderen darum geht, sich immer um das beste Argument zu bemühen und auch anzuerkennen, wenn dieses nicht von einem selber stammt. Sagt jemand etwas Klügeres als man selber, so wird einem eine Bereicherung zuteil, über die man sich gefälligst zu freuen hat. Nur im konstruktiven Austausch verschiedener Positionen kommen wir doch der Welt und der Wahrheit näher.

Soweit die Theorie. Meine gut 40jährige Lebenserfahrung besagt nun, dass ich mit dieser Haltung nicht immer und nicht in jedem Kontext total gut ankomme. Diesen Montag beim Skatspielen zog ich beispielsweise durch einen wohlmeinenden aufklärerischen Hinweis („Das Blatt als Null zu spielen, war unprofessionell.“) an eine Mitspielerin ganz unerwartet deren spontanen Hass auf mich.

Aber eigentlich wollte ich gar nicht über mein Leben und die darin vorkommenden Skatstreitereien berichten, sondern über den Verfall der öffentlichen Diskussionskultur lamentieren:  Trollereien und Derailing von rechter Seite sind ein hinlänglich bekanntes  und beschriebenes (hier zum Beispiel) Phänomen. Zum Derailing gehört es, wenn Argumente und Tatsachen nicht widerlegt werden können, einfach das Thema zu wechseln (Beispiel: „Es werden Flüchtlingsheime angezündet, das muss sich ändern.“ – „Ja, aber es gibt ja auch linke Gewalt, die ist genauso schlimm.“ – Ursprüngliche Diskussion tot).

Derailing bedeutet aber auch, auf unklarer Tatsachenbasis zu argumentieren, sich nicht um eine solche zu bemühen und, schlimmstenfalls, zum Beispiel durch Herauslösen eines Vorfalls aus dem Kontext, bewusst auf einer falschen Tatsachenbasis zu argumentieren. So weit so schlimm, denn auf diese Weise sind Austausch und Annäherung von vorneherein ausgeschlossen. Noch schlimmer finde ich es jedoch, wenn diese Diskussionsformen von der „eigenen Seite“ praktiziert werden. Die öffentliche Auseinandersetzung mit Henriette Rekers Äußerungen auf der Pressekonferenz zur Kölner Silvesternacht, die in unter dem Hashtag #eineArmlänge in einen veritablen Shitstorm kulminierte, finde ich daher entsetzlich (leider gelingt es mir nicht ein Wortlautprotokoll der Pressekonferenz zu ergoogeln, dieser Faz-Artikel enthält eine Darstellung). Als eine unter vielen (nicht unbedingt begrüßenswerten) Maßnahmen zur Prävention sexueller Übergriffe erläuterte Reker (und zwar auf ausdrückliche Nachfrage einer Journalistin hin), Verhaltenstipps für Frauen in gefährlichen Situationen herausgeben zu wollen, welche unter anderem den Ratschlag enthielten, in beängstigenden Situationen zu fremden Männern immer mindestens eine Armlänge Abstand zu halten.

Große Teile des Internets schnappten darauf hin zu und warfen der Kölner Oberbürgermeisterin vor, die Verantwortung für sexuelle Übergriffe den Frauen in die Schuhe zu schieben und gleichzeitig keine angemessenen Maßnahmen zur Prävention formulieren zu wollen. Ich verstehe das nicht. Es gibt doch genug echte Probleme, über die wir uns empören könnten. Ich finde Verhaltenstipps für Frauen (sofern sie, was es ja eben auch gibt, nicht in einer den Frauen die Verantwortung zuschiebenden Weise geäußert werden) zum Umgang mit gefährlichen Situationen völlig in Ordnung. Anderenfalls müssten wir ja beispielsweise auch die Aufklärung  von potentiellen Opfern über die Gefahren von K.-o.-Tropfen  und konsequenterweise auch Selbstverteidigungskurse ablehnen.

Die Vorwürfe an Frau Reker sind damit zum Einen von sträflicher Dummheit. Zum Anderen wird aber auch Energie vertan, sich über die Dinge aufzuregen, über die es sich aufzuregen gilt. Dies ist meines Erachtens primär das Polizeiversagen, daneben aber auch tatsächlich die zunehmende (ich nehme es zumindest so wahr) Enthemmung und Entzivilisierung im öffentlichen Miteinander. Bekanntlich haben sich die Menschen am Kölner Dom, neben der Verwirklichung weiterer schlimmer Straftaten, gegenseitig mit Raketen und Böllern beschossen. Das machen wir Kölner*innen aber seit 30 Jahren mit allerdings zunehmender Intensität schon so und ich kann das nicht verstehen. Da stimmt doch was zutiefst nicht mit uns. Und wozu haben wir denn die Polizei? Ist die wirklich nur dazu da, linke Demonstrant*innen zu drangsalieren? Das ist doch nicht abendfüllend. Zwar war ich nie auf der Polizeischule aber ich bin mir äußerst sicher, dass die Situation vor dem Dom deeskaliert hätte werden können. Es ist in dem Zusammenhang nur ein schwacher Trost, dass die Kölner Polizei bei der Nichtbewältigung von Ausschreitungen offenbar bezüglich Nazis und (vermutet) nordafrikanisch-arabischen Menschen den Gleichbehandlungsgrundsatz gelten lässt: Totalversagen immer!

Also ich finde, so geht das nicht weiter, wir müssen wieder besser miteinander reden lernen (eine schönes Beispiel, wie es gehen kann, hier auf dem Blog von Kollegin Sichten). Wie sollen wir denn sonst zu einer Veränderung zum Guten kommen?

Advertisements

3 Kommentare zu “Kinder, wir müssen reden!

  1. Tatsächlich hat sich an der Diskussionskultur in den letzten Jahren nicht viel geändert. Vielmehr hat sich Möglichkeit geändert, seine Meinung nach außen zu tragen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

    In den Zeiten des Prä-Internets bekam man vor allem selektierte Meinungen zu lesen. Sie mussten sowohl in einem sachlichen Stil geschrieben sein als auch zu dem Thema selbst einen gewissen Bezug aufweisen, um bspw. als Leserbrief veröffentlicht zu werden. Die öffentliche Meinung selbst wurde von Profis vorgetragen, sei es von Kommentatoren der Nachrichtensender oder von Journalisten in den Printmedien. Seriöse Blätter unterschieden sich in ihrer Meinungsvielfalt nur um Nuancen, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung. Und selbst das typische „Stammtischgeschwätz“ (das bekanntlich zumeist als Ablassventil der eigenen emotionalen Lebensunzufriedenheit dient) hatte seine eigenen in eine einigermaßen vertretbare Form gebrachte medialen Lautsprecher. Insofern waren der öffentlichen Volksmeinung stilistische und gesprächskulturbewahrende Filter vorgesetzt, die den Eindruck erwecken ließen, wir hätten eine vernünftige Diskussionskultur in Deutschland.

    Haben wir aber nicht. Heutzutage sind all diese Filter weggefallen, wie man zuletzt bei der „Diskussion“ um Reker nachlesen kann. Öffentliche Meinungen sind nun in ihrer Rohfassung lesbar, und diese Rohfassungen weisen sehr eindrucksvoll darauf hin, dass es um unsere Gesprächskultur bis auf wenige (auch familiäre) Inseln schon immer schlecht bestellt war. Das erfuhr ich bereits in jungen Jahren, in der ich als ebenso emotional unterkühlter Zeitgenosse unpersönliche Aussagen machte oder Fragen stellte, die meine Gegenüber zu meiner ausgesprochenen Verwunderung häufig in Wallung brachten. Und auch heute passiert es mir nach wie vor, dass statt eines guten Gegenarguments zu einem Thema eher ein Hinweis auf meine fehlende Intelligenz gegeben wird. Da hilft auch kein mehrmaliges sachliches Nachfragen.

    Der Grund für dieses Verhalten liegt in einem Wesenszug, der mir (und wahrscheinlich auch Dir) eher fremd ist, nämlich die persönliche Betroffenheit. Die meisten Menschen können oder wollen Argumente nicht frei von ihrer eigenen Denkweise, ihren eigenen Vorstellungen davon, was richtig ist und ihren angenommenen Ideologien betrachten, sondern fühlen sich in ihrem Denkmuster erheblich gestört. Und nein, es ist nicht auf bestimmte Bevölkerungsschichten beschränkt. Eine von sich selbst abgehobene Betrachtungsweise scheint den meisten nicht möglich. Aber ich denke, das wirst Du bereits wissen oder zumindest erahnen 😉

    Allerdings muss ich Dir darin recht geben, dass die Fahrlässigkeit mit der Unversehrtheit der Mitmenschen erheblich zugenommen hat. Dies ist natürlich auch ein Preis marktwirtschaftlicher Politik, in der kostenträchtige Institutionen wie die Polizei, bei der weder ihre Ausbildung noch die Ausübung ihrer Tätigkeit einen Gewinn abwirft, auf das Nötigste reduziert werden und somit vorbeugende Präsenz gar nicht mehr realisierbar ist. Das geht ja schon so weit, dass sich in Düsseldorf erste Bürgerwehren bilden, um diese fehlende Präsenz auszugleichen. Es ist eine Schande, dass die Politik im reichsten Land Europas hier auf ganzer Linie versagt bzw. aus Kostengründen bewusst versagen will.

    Wenn man also als alter Onkel nicht mehr so gut mit der Welt zurecht kommt, so liegt es wohl daran, dass Deine „emotional unterbelichtete“ Kommunikation nicht jedermanns Sache ist – also eigentlich ist es nicht die Sache der meisten Mitmenschen. Damit muss man leben…

  2. Hahaha – Wie nett und klug sowie schön, mal wieder von Dir zu lesen. Da freut sich mein emotional unterbelichtetes Herz doch. Ich würde Dir rundherum zustimmen, den Gedanken „ist es wirklich schlimmer geworden – oder bringt das Internet es nur hervor“, mache ich mir natürlich auch von Zeit zu Zeit – Aber irgendwie scheint sich über mein Denken häufig so eine Schablone von „es verändert sich zum Schlechteren“ zu legen. Was sich doch aber tatsächlich (oder bilde ich mir das nur ein?) zum Schlechteren verändert, ist das Verhalten der „Profis“. Die waren vielleicht schon immer ziemlich einheitlich, aber ich meine, dass die ihrem journalistischen Auftrag und der Einhaltung journalistischer Prinzipien früher besser nachgekommen sind – Auch, weil es eben die ganze Konkurrenz noch nicht gab. Naja, und was das „mit der Welt nicht mehr so gut zurecht kommen“ anbelangt: Was mich wirklich verzweifelt, ist der erstarkende Rassismus – Auch hier können wir uns wieder fragen: War der nicht in Wirklichkeit schon immer da und die Leute trauen sich jetzt erst, ihn offen auszuleben? Ich finde es jedenfalls wirklich sehr traurig und beängstigend.

  3. Die Freude eines emotional unterbelichteten Herzens ist ganz meinerseits, zumal ich verschiedene Befürchtungen durchaus wiedererkenne. Auch mir scheint sich der Gedanke sporadisch aufzudrängen, dass alles schlechter wird. Liegt wohl am zunehmenden Alter und dem inneren Wunsch nach einer Zeit, in der man noch nicht so viel von der Welt mitbekam und diese „heiler“ war. Real ist das jedoch nicht. Tatsächlich wird nicht alles schlechter, es verändert sich nur.

    Unter solche Veränderungen fällt auch der Journalismus, der eine Reaktion auf das geänderte Informationsbeschaffungsverhalten der Gesellschaft ist. Natürlich könnte man sagen, dass der Journalismus schlechter geworden ist, aber das würde nur dann zutreffen, wenn wir die bisherige Praxis als optimal bewerten. Tatsächlich aber war der bisherige Journalismus seiner Zeit, also den Kommunikationsmöglichkeiten und dem Informationsbedarf der Bevölkerung entsprechend eingerichtet und hat das Beste daraus gemacht – inklusive aller persönlicher Mauscheleien mit Politikern und der dazugehörenden wohlwollenden Berichterstattung. Doch beides – Technik und Bedarf – haben sich schwerwiegend geändert, und es wird eine Zeit brauchen, bis der Journalismus seinen neuen Platz findet.
    Über die Veränderungen hatte ich mal versucht, etwas zu schreiben:
    https://nesselsetzer.wordpress.com/2014/07/01/der-untergang-des-journalismus/

    Auch zum Thema Rassismus wehre ich mich gegen die Alles-wird-schlechter-Formel. Ich glaube nicht, dass der erstarkt ist. Eher denke ich, dass der schon immer vorhanden war und durch die Vorgänge im III. Reich eine Zeitlang öffentlich nieder gedrückt wurde. Inzwischen traut man sich wieder mehr, seine unzivilisierten Denkweisen heraus zu posaunen. Wohin diese Reise geht, vermag ich jedoch nicht abzuschätzen. Letztendlich hoffe ich, dass der Rassismus in D wie in anderen Ländern einfach eine Strömung bleibt, die irgendwann wieder verödet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s