Identitätskrise

Ich bin ja nicht die erste, die es bemerkt und aufschreibt, aber lieber lustige Sachen öfter sagen, als langweilige zum ersten Mal. Mit Schrecken können wir Deutschen gerade beobachten, wie in Windeseile die wesentlichen Säulen unserer Identitätsbildung, sowohl technisch als auch moralisch, erodieren: Unsere Ingenieurskunst, die Autos, der Fußball und jetzt auch noch die Wurst. Wesentlich nachhaltiger kann doch unser Selbstverständnis nicht erschüttert werden, oder? Da müsste schon jemand aufdecken, dass Immanuel Kant bei seiner Doktorarbeit großflächig plagiiert, Goethe seinen Faust aus Wikipedia, Disneys Lustigen Taschenbüchern und „Meyers großem Reimlexikon“ dreist zusammengesampelt hat und am Besten noch, dass unsere Nationalhelden Martin Luther und Richard Wagner Antisemiten.. ach ja.
Selbstfindung und Subjektkonstitution war doch in unseren postmodernen Wirren auch ohne das alles schon anstrengend genug. Volkswagen, Franz Beckenbauer, Würstchen mit Kartoffelbrei – schon immer nicht super geil, aber doch verlässlich, weltberühmt und anerkannt, ein bisschen Konstanz, ein letzter kleiner Halt verblieb in der allgemeinen Dekonstruktion von allem durch alles.
Da Krisen und Katastrophen bekanntlich am besten übersteht, wer sich dazu entschließt, sie interessant zu finden, mache ich mich neugierig ans Beobachten: Wie reagieren wir, das Volk, auf diese substantiellen Verluste? Mir scheint: Indem wir uns auf unsere urdeutschesten Tugenden besinnen: Vernunft und Barbarei. Die eine Hälfte macht sich per Fackelzug, brutal in Wort und Tat, schnurstracks auf den Weg zurück in die dunkelsten Zeiten. Die andere Hälfte macht sich dafür in ernster Konsequenz die aufklärerische Maxime des „Der Mensch muss immer der erste Zweck allen menschlichen Handels sein“ zu eigen und versucht an den Flüchtlingen und, wenn man so will, der Gesamtzivilisation wieder gut zu machen, was die erste Hälfte und der Staat an ihnen verbrochen haben (naja, ganz genau genommen gibt es noch eine dritte Hälfte, die so sehr mit Arbeiten und/oder Kindererziehung und/oder Katzenbilder im Internet angucken etc. beschäftigt ist, dass sie von den mir beschriebenen Phänomenen noch gar nix mitbekommen, geschweige denn in irgendeiner Form an ihnen partizipiert hat, aber egal). Wenn ich mir das so anschaue, weiß ich wirklich nicht, ob ich verzweifeln oder hoffen soll. Zumindest wird es so schnell nicht langweilig.
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2 Kommentare zu “Identitätskrise

  1. Bei dem Stichwort Identitätskrise musste ich unweigerlich an eines meiner persönlichen Lieblingsthemen denken: die Dschännerähschen Wei.
    https://dampfbloque.wordpress.com/2015/10/21/die-unbaendige-angst-normal-zu-sein/

    Das führt dann meinem Empfinden nach hierzu:
    https://dampfbloque.wordpress.com/2015/10/22/alles-ist-so-unendlichst-bombastischst/

    Ansonsten ist es schon ein wenig eigenartig, wie das Kollektiv auf irgendwelche Innovationen (und seien es nur Meldungen über XY) reagiert. Den Mittelweg scheint es nicht zu geben und man schwankt von einem Extrem ins andere. Wobei mir die „Wiedergutmacher“ deutlich lieber sind als solche, die erstmal sich in Polemik ergehen oder eben gar nichts machen…Katzenbilder eben…auch wichtig.

  2. Pingback: Die Welten der Anderen (8) | kreuzberg süd-ost

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