#Köln2510

Heute ist wieder „Hogesa“-Demo in Köln. Wir erinnern uns: Letzes Jahr, ich berichtete, übernahmen die „Hooligans gegen Salafisten“, das heißt eine Armee von ca. 4.000 Hooligans und Nazi-Skinheads hinter dem Kölner Hauptbahnhof die Macht, randalierten und griffen Bürger*innen sowie die Polizei an, welche dem Treiben nichts entgegenzusetzen hatte. Gegendemonstrant*innen gab es so gut wie keine (eine löbliche Ausnahme unter wenigen: der befreundete Onkel). Insgesamt war das der Kölner Polizei und auch der Kölner Zivilgesellschaft so peinlich (hey, und wann ist denen schon mal was peinlich – ja, ich meine beide Gruppen), dass sie sich auf die diesjährige Veranstaltung deutlich besser vorbereitet haben. Die Polizei kommt mit 3.500 Mann, zehn Wasserwerfern und drei Räumpanzern. Daneben organisieren die üblichen Verdächtigen von „Arsch Huh“ und „Birlikte“ zwei Gegenkundgebungen, Antifa und bürgerliche Kräfte haben mobil gemacht. Es werden über 20.000 Gegendemonstrant*innen erwartet.

Um halb zwölf hat sich der befreundete Onkel eine warme Hose angezogen und sich auf den Weg gemacht, ich selber, mit ernstem Schnupfen und Zahnschmerzen behaftet, muss „leider“ zuhause im Bett bleiben. Ich bin etwas in Sorge. Die Nazis von „Hogesa“ sind gewalttätig und lassen sich von Angriffen auch nicht abhalten, wenn sie deutlich in der Minderheit sind. Mehrfach habe ich inzwischen gehört und gelesen, dass „migrantisch“ aussehende Menschen davon gewarnt werden, heute alleine in Köln auf die Straße zu gehen. Während ich also den Onkel bei seinen Reisevorbereitungen beobachte, fühle ich mich ein wenig wie eine künftige Kriegerwitwe, der Mann begibt sich in Gefahr, möge alles gut gehen.

Kriegerwitwe mit Internet allerdings – Von meinem Bett aus werde ich über Twitter via #Koeln2015 und „Köln gegen Rechts“ in Echtzeit vortrefflich über den Gang der Dinge informiert: „Deutzer Brücke für größere Gruppen gesperrt“ oder: „gleis 7 (des Deutzer Bahnhofs, anm. der Red.) wird gestürmt geräumt„. Auch: „Linien 3 und 4 fahren nicht mehr“ und Ähnliches ist zu erfahren. Daneben werden verschiedene kurze Filmaufnahmen rund um das Geschehen gepostet und RT „ruptly“ überträgt durchgehend (ein kleineres Scharmützel zwischen Nazis und Polizisten in der U-Bahn am Deutzer Bahnhof, Antifa-Menschen auf Bahngleisen, Gegendemonstrierende…). Also wenn das nicht praktisch ist, dann weiß ich es auch nicht. Als ich mich gerade, im Großen und Ganzen zufrieden mit meinem Leben und der Gesamtsituation ans Tippen mache, ruft der befreundete Onkel an. „Oh, wurdest Du schon verhaftet?“, frage ich ihn neugierig (irgendeinen ernsten Grund muss die Kontaktaufnahme haben, normalerweise hat er während Demos Wichtigeres zu tun, als mit mir zu telefonieren), „Nein, nein“, antwortet er, „aber ich bin ganz enttäuscht, der Bahnhof ist gesperrt und die Jungs von der Antifa halten mich für einen Zivilbullen, ich glaube, das nächste Mal muss ich mir was anderes anziehen. Außerdem weiß ich jetzt überhaupt nicht, wie ich auf die andere Rheinseite kommen soll.“ Da können meine Twitter-Timeline und ich natürlich helfen: „Hohenzollernbrücke im Norden und Süden gesperrt„, gebe ich durch und fühle mich wie ein FBI-Beamtin in der Kommmandozentrale, die Ihrem Field-Agent lebenswichtige Anweisungen erteilt, „da musst Du wohl zum Heumarkt“ (wo sich die bürgerliche Hauptgegendemo versammelt und es nicht ganz so spannend zugeht).

Das war vor ungefähr einer Stunde und ich habe seitdem nichts mehr gehört, ich nehme das als Zeichen, dass es ihm gut geht. In Wirklichkeit ist natürlich nichts gut. Tagsüber wird die Polizei das Geschehen mit viel Müh und Not und der ein oder anderen rechtswidrigen Maßnahme in Schach halten, Inshallah, aber abends und nachts, so ist doch zu befürchten, werden die Nazis schon dafür sorgen, dass sie auf ihre Kosten kommen. Den befreundeten Onkel werde ich dann heile und voller Demo-Anekdoten wieder in Empfang genommen haben, und wir können froh sein, dass wir keine türkischen Kioskbesitzer sind. Glück gehabt, aber insgesamt fühlt sich das alles doch ziemlich mehr und mehr nach einem Neunzehnhunderteinundreißig 2.0 an. Zustände werden normal, die wir vor zwei Jahren noch für unmöglich gehalten hätten. Und ich empfinde mich und meine Umwelt als seltsam ruhig und ohnmächtig: „Die Debatte über die neuen Rechten ist sonderbar unpolitisch.“, twittert Jakob Augstein. Und das scheint mir ein Teil des Problems zu sein.

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Ein Kommentar zu “#Köln2510

  1. Ein Problem ist auch, dass die Massenmedien konsumieren und verbreiten, ohne vorher mal zu hintefragen, was es mit dieser vermeintlichen Kritik auf sich hat. Einer meiner ersten Beiträge auf meinem Allerweltsblog wurde durch so ein dämliches Foto auf Facebook motiviert, auf dem kritisiert wurde, dass sich jeder hier in Deutschland den christlichen Werten zu unterwerfen hat und die deutsche, christliche Kultur verinnerlichen soll.
    Und da habe ich ein paar Dinge nicht so recht verstanden:
    https://dampfbloque.wordpress.com/2015/10/01/ich-haette-da-mal-ein-bis-zwei-fragen/

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