Ochi – Ja…

Der befreundete Onkel und ich diskutierten engagiert: Ist der Ausgang des Referendums ein Grund zur Freude? Ich finde, eher nicht: Die griechischen Menschen werden so oder so im Elend versinken. Wer glaubt denn ernsthaft, dass Schäuble und Dijsselbloem jetzt sagen: „Ach Griechen, jetzt habt Ihr in eurem Referendum nochmal (die Syrizawahl konnte ja durchaus bereits ebenso interpretiert werden) klargestellt, dass Ihr die Austeritätspolitik nicht so knorke findet, dann richten wir uns doch einfach mal danach.“ Warum sollte das auf einmal so sein? Zu vermuten steht eher, dass die Situation sich weiter verschlechtern wird, Chaos und sozialer Verfall mehr und nicht weniger werden. Aber wer weiß das schon. Eins muss man der Sachlage zugestehen. Sie ist ungemein spannend, und ich behaupte, dass alle die Kontrolle verloren haben. Besser kann ein Drehbuch nicht sein, auch wenn das auf Kosten vieler Statist*innen geht. Das ist aus der (noch – wer weiß was da bald kommt) Zuschauendenperspektive einerseits aufregend und unterhaltsam, andererseits natürlich beängstigend und verunsichernd. In solchen instabilen, emotional herausfordernden Situationen suchen wir Menschen dann Zuflucht in Dingen, die sich nicht verändern.
Mir hilft daher die tägliche, krisenbegleitende Lektüre von Spiegel Online. Dort wird weiterhin zuverlässig an der Abschaffung des seriösen Journalismus gearbeitet. Darauf kann ich zählen.  Das ist gut. Schnell auf Spiegel Online geklickt, beliebigen Artikel (Georg Diez-Kolumnen müssen allerdings gemieden werden) überfliegen – Selbstwertgefühl mit Sicherheit gesteigert. Auch an meinen schlechtesten Tagen bin ich (und nicht nur ich, selbstverständlich, sondern alle Leute, die ich kenne und mag) klüger und moralisch hochstehender als ein typischer Sponline-Artikel:
„Rücktritt von Yanis Varoufakis: Abschied eines Rechthabers“ fällt einem Spiegelmitarbeiter namens Stefan Kaiser als Überschrift eines Artikels zur Demission des griechischen Finanzministers ein. Über Geschmack kann mensch ja bekanntlich streiten, aber „Rechthaber“ finde ich als Bezeichnung für den unbestritten unterhaltsamsten Finanzminister der Weltgeschichte (ich habe gegoogelt: Che Guevara war nur Wirtschaftsminister und Vorsitzender der kubanischen Nationalbank; Hans Apel kann mit „Ich dacht‘ mich tritt ein Pferd“ ebenfalls nicht ganz mithalten) objektiv unangemessen.
Und nicht nur über Geschmack – Auch über die richtige Interpretation von Beobachtetem scheiden sich naturgemäß die Geister. Das muss so sein. Dennoch finde ich Stefan Kaisers Analyse der Gründe von Varoufakis‘ Amtszeit und deren Beendigung objektiv falsch. Letztlich sei der Finanzminister nicht aus inhaltlichen, politischen sondern aus persönlichen Gründen zurückgetreten. Zwar habe er aus ökonomischer Perspektive durchaus gute und partiell mehrheitsfähige Argumente auf seiner Seite gehabt, sich hiermit aber nicht durchsetzen können, denn: „ […] dabei stand ihm auch sein großes Ego im Weg. […] Einigen galten die Ideen des linken Wirtschaftsprofessors als politisch gefährlich, den meisten aber ging er am Ende einfach nur noch auf die Nerven.“
Es geht also nicht etwa um die Auseinandersetzung divergierender wirtschaftspolitischer Haltungen, nämlich wirtschaftsliberaler Austeritätspolitik auf der einen Seite mit (links)-sozialdemokratischen Modellen  (ja, mal so ganz irre, nebenbei, Syriza und ihr Programm sind nicht, wie ständig überall behauptet wird, „linksradikal“. Das sind normale Sozialdemokrat*innen. Ja, zugegebenermaßen schwer, sich diesbezüglich terminologisch zurechtzufinden, in einem Land, in dem Sigmar Gabriel und Thilo Sarrazin für Vertreter dieser Bevölkerungsgruppe gehalten werden) auf der anderen Seite. Das Problem von Yanis Varoufakis ist also nicht etwa, dass er schlicht und ergreifend eine fundamental andere Wirtschaftspolitik vertritt, als diejenigen, die in der EU das Sagen haben, sondern sein merkwürdiger Charakter und seine ungeschickte Art, das alles zu verkaufen. Diese in „Paris Match“ erschienene Homestory (in dem Zusammenhang wurde ihm ja tatsächlich vorgeworfen, dass er in einer gut gelegenen, hübschen Wohnung  – mit Klavier! Und schöner Aussicht! – wohnt, sonst ja unüblich bei Angehörigen der europäischen Mittelschichten) oder, dass er sich gerne selber beim Reden zuhöre, beispielsweise.
Ich würde dem skizzierten Profil im Grundsatz übrigens zustimmen, Yanis Varoufakis erscheint mir auch als komischer Vogel und eitler, etwas mackerhafter Laberkopf, der sich möglicherweise mit technischen Verwaltungsdetails lieber nicht so genau beschäftigt. Bei Günther Jauch legte er Zeugnis davon ab. Aber, dem Ganzen möchte ich ein fröhliches „Na und!“ entgegenschmettern. Herr Varoufakis mag alles ihm Vorgeworfene sein, daneben ist er aber noch zwei weitere Sachen: Ein Professor und zwar einer, der sich für Politik interessiert. „Professor“ ist ein deutsches Wort (die sind ja heutzutage selten) und bedeutet so viel wie „Neugieriger Mann, der viel liest, schreibt und diskutiert und zwar so gut, dass ihm dafür Geld bezahlt wird“. Bei richtigen Professor*innen ist es dann häufig so, dass sie tatsächlich so mit ihren Leidenschaften beschäftigt sind, dass sie gar nicht mehr dazu kommen, darauf zu achten, wie sie auf andere so wirken, vor allem äußerlich.  Gute Professor*innen sind oft komische, eigenwillige Vögel. Wir sollten uns damit nicht so lange aufhalten, sondern viel lieber damit beschäftigen, was die so sagen und schreiben. Gerade Varoufakis und sein Werk laden dazu ein. Er hat viele Bücher geschrieben und kommuniziert nicht nur auf EU-Finanzminister-Treffen, sondern über viele Kanäle, beispielsweise sein Blog oder viele wichtige internationale Print- und Onlinepublikationen. Ich glaube, dass er das aus der zwar möglicherweise naiven, aber doch großartigen Annahme heraus tut, dass es in der Politik darum geht, Argumente auszutauschen, mit dem Ziel, eine gerechtere Welt zu schaffen. Ein Beispiel ist der nicht mehr ganz neue, aber interessante Text „Confessions of an erratic marxist in the midst of a repugnant european crisis“ (hier auf Freitag.de in Deutsch): Er positioniert sich dort als eben nicht linksradikal, sondern legt dar, warum auch Menschen, die sich im Grundsatz marxistischem Denken nahe fühlen, nicht an einer Destabilisierung des Kapitalismus mitwirken sollen (weil sonst nämlich wahrscheinlich die Rechten die Macht ergreifen).
Diese und andere Äußerungen haben mich überzeugt, dass Yanis Varoufakis einfach ein politischer Mensch und kein Berufspolitiker ist. Dies geht vermutlich zwangsläufig mit der Naivität und der Überschätzung der Kraft des Argumentes einher. Und zwangsläufig sagt so ein Mensch dann ab einem bestimmten Punkt: „So bringt das jetzt nichts mehr. Jetzt habt Ihr mich genug gemobbt, Finanzminister-Kumpel.“. Er widmet sich dann wieder seinem restlichen Leben, im Gegensatz zu vielen Berufspolitiker*innen hat er ja eins.
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