Sommerhitze

Obwohl  nur kurze Zeit her, kann ich es mir kaum noch vorstellen: Der befreundete Onkel und ich kommen gerade von einer Griechenlandsolidaritätsdemo, die uns zu Fuß vom Dom bis zum Friesenplatz führte. Danach war ich bei der Apotheke und dann im Obstgeschäft. Vor unserem Haus angekommen, schließe ich das Fahrrad ab und bleibe unentschlossen stehen. Die schwere Obsttüte und mich in das zweite Stockwerk hinaufzuschleppen, scheint mir jenseits eines in naher Zukunft erfüllbaren Anforderungsprofils. Oder doch zumindest wesentlich unangenehmer als desorientiert und beschäftigungslos neben meinem Fahrrad auf der Straße zu verweilen. „Gar nicht so schlimm, hier ein bisschen verloren vor mich hinzulungern“, ermutige ich mich und nehme einen Pfirsich aus dem Fahrradkorb. Alles gut, solange nicht auch nur irgendeine Aufgabe oder Herausforderung an mich herangetragen wird. Zum Glück ist hier gerade kein Bombenalarm, Bargeld- und Medikamentenmangel oder sonst etwas Stressiges angesagt. Schon die Aussicht, in die Wohnung zu steigen, ins Bett zu gehen und für den Rest des Abends die Wand anzuschauen, kommt mir zu anstrengend vor.

Erfreulicherweise erzeugt meine Starre ein Gefühl der Freiheit. Der Fleck, auf dem mich meine Bewegungsunfähigkeit gefangen hält, erscheint mir als eine kleine anarchistische Oase. Da ich nirgendwo hin kann, kann ich zumindest absehbar auch nichts mehr leisten.

Die wenigen Leute, die sich hier im Veedel auf der Straße herumtreiben, hauptsächlich gesunde, halbnackte, junge Personen, die sich mit letzter Kraft an einem Kioskbier festhalten, strahlen ein ähnliches Lebensgefühl aus. Ermattet aber friedlich und fröhlich sitzen sie am Straßenrand, viel zu erschöpft, als dass sie sich gegenseitig wirksam auf die Nerven gehen wollten oder könnten. In der Luft liegt eine für den Ehrenfelder Freitagabend untypische Ruhe, die mich paradoxerweise an die gedämpfte Stille einer verschneiten Winternacht erinnert. So, und da ich für Freiheit und Anarchie nicht geschaffen bin, gehe ich jetzt mal nach oben und schaue, was der befreundete Onkel wohl treiben mag.

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