Klaus der Geiger im Weißen Holunder – Meine erste Konzertkritik

Am Sonntag war ich mit zwei Freundinnen zum Mitsingkonzert im Weißen Holunder. Auf dem Programm stand „Klaus der Geiger – Widerstand 2“. Für die vielen überregionalen und internationalen Lesenden sei kurz erläutert, um wen es sich bei unserem Titelhelden handelt. Klaus der Geiger gilt, zumindest in Köln, als einer der bekanntesten und vor allem bedeutendsten Straßenmusiker Deutschlands. Zumindest in Köln ist er weltberühmt und jedes Kind kennt ihn aus der Fußgängerzone. Freundin Eins, im Kölner Umland aufgewachsen, berichtet, dass sie lange dachte, jede Stadt habe einen Klaus der Geiger. Inzwischen weiß sie, dass Klaus ziemlich einzigartig ist. Er trägt graue Zottelfrisur mit Latzhose und sieht aus wie eine Mischung aus Peter Lustig und Petterson. Habitus und Humor erinnern in guten Momenten an Helge Schneider („Jetzt kommt mein Hit“) und in (selteneren) nicht ganz so guten an Wilfried Schmickler („Nieder mit den Bonzen“). Die Musik ist politisch. In einem typischen Klaus der Geiger-Lied geht es um die bereits erwähnten Bonzen, Bullen oder Bauwagenplätze und vor allem darum, dass erstere uns nicht vorschreiben dürfen, wie wir leben wollen.
Der Bonze und seine Stechuhren mit denen er uns, das Volk seiner „Natur“ zuwider quält, alles in der männlichen Form natürlich – Mit meiner Lebensrealität hat das auf den ersten Blick nicht viel zu tun: „Der Klaus ist mit seinen Texten aber noch nicht so richtig im Zeitalter des Postfordismus angelangt“ flüstere ich schlaumeierisch zu Freundin Eins. „Wohl wahr“, erwidert diese und ergänzt: „Die zunehmende Entgrenzung von Arbeit und Freizeit spiegelt sich in seiner Poesie auch nur unzureichend wider.“ Freundin Zwei, gerade von Toilette zurückgekehrt, gibt uns recht: „Mir wird da zu viel von bösen Banken, Ackermännern und dem unschuldigen Volk gesungen – Und auf dem Klo ist mir aufgefallen: die Merkel-Sau mit ihren Ferkeln, das ist jawohl auch ein antisemitischer Topos.“
Je weiter aber das Konzert fortschreitet, desto weniger bankenkritisch und umso mitsingbarer werden die Lieder und umso größer der Spaß. Zwar neige ich dazu, von eigenwilligen älteren Herren mit einfachem, von meinem abweichenden, politischen Weltbild schnell genervt zu sein, aber Klaus der Geiger, äußerlich 75, innerlich jünger, versprüht eine unbekümmerte anarchistische und ansteckende Lebensfreude, die partielles Missfallen schnell überwindet und mich denken lässt: Jawoll, lassen wir uns das mit den Stechuhren, einfach nicht mehr bieten! Ist doch egal, dass ich mich kaum erinnern kann, wie so eine Stechuhr eigentlich aussieht, gefangen bin ich trotzdem. Etwas mehr Freiheit wäre vielleicht möglich!
Klaus der Geigers Performance profitiert nicht nur von seinem charmanten Naturell, sondern auch davon, dass er in einem früheren Leben ein Studium der klassischen Musik absolvierte und einige Jahre als Dozent und Komponist für meine neue Musik tätig war. So schlicht und grob die Harmonien und Texte stellenweise sein mögen, die eine oder andere Jazzimprovisation kann der Künstler sich nicht lange verkneifen und insgesamt nicht verbergen, dass er auch nach kapitalistisch-bürgerlichen Maßstäben ein formidabler Geiger ist.
Zum Abschluss des Konzertes singt er zur Melodie eines Räuberliedes aus dem Film „Ronja Räubertochter“: „Leben ist schön. Habe nie was Schöneres gesehen.“ Und was soll ich sagen, mit schwedischer Folk-Musik sowie Wald- und Räuberromantik kriegt man mich normalerweise nicht – Aber das überzeugt mich sofort. Ich sitz‘ im Wald, im Abendsonnenschein…
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s