Andere Leute haben Hobbies…

…ich verbringe meine Zeit damit, mich über das reaktionäre Treiben von Spiegel-Online und Günter Jauch aufzuregen. Dass das nicht originell und außerdem neurotisch ist, weiß ich.
Wenn dann Spiegel-Online in Person von Jan Fleischhauer, welchen angemessen zu beschimpfen, mir die Wortmächtigkeit fehlt (wo ist Thomas Mann, wenn man ihn braucht?), auf Spiegel-Online die Jauch-Kritikerinnen kritisiert, dann ist in Onkel Maikes kleiner Welt mal wieder inneres hysterisches, halb empörtes, halb freudig erregtes Kreischen und Nirvana angesagt: So viel gemeinreaktionäre Dummbräsigkeit in einem so kurzen Text zu akkumulieren, das gelingt außer Jan Fleischauer nur wenigen. Und niemals, niemals werde ich genau wissen können, ob der einfach nur so gemeinreaktionär dummbräsig ist oder ob er mit teuflischer Raffinesse ein gezielt zugeschnittenes Produkt vermarktet.
„Manche Leute scheinen so auf Günther Jauch fixiert zu sein, dass sie jeden Sonntag einschalten, um sich anschließend darüber zu beschweren, wie absolut unansehbar seine Sendung wieder war.“, schreibt Fleischhauer. Das stimmt, ist aber, siehe oben, nichts Neues. Ich selber bin Twitter einzig und allein aus dem Grund beigetreten, um an Anti-Jauch Shitstorms mitzuwirken. Mein jauchbezogener Tweet „Rassisten raus aus meiner Fernsehgebühr“ erreichte stolze fünf Likes.

tweet

Manchmal beneide ich Menschen, die nicht genau wissen, was „Twitter“, „Blogs“ oder „Das Internet“ sind oder auch solche, die das alles kennen, sich aber sinnvoller zu beschäftigen wissen. Ich gehöre hingegen nicht zu diesen Personenkreisen, sondern verfolge das alles leidenschaftlich und mit politischem Interesse. „Günter Jauch“, ein Format von hoher Reichweite, finde ich undemokratisch, antiaufklärerisch und erschrecke mich häufig aufrichtig darüber, was für rechten, reaktionären Positionen dort, ohne dass dadurch ein journalistischer oder diskursiven Mehrwert entstünde, ein Forum geboten wird. Nicht zuletzt gibt die Sendung ein sehr schlechtes Vorbild für unsere Kinder und Jugendlichen ab.

Jan Fleischauer ist also, wie häufig, mal wieder unpräzise. Wir Jauch-Kritiker*innen erzürnen uns nicht über die „Unansehbarkeit“ der Sendung, sondern die dort praktizierte journalistische und demokratische Kultur, von der wir eine schädliche Wirkung befürchten. Geübt wird diese Kritik häufig von Personen, die einen Standpunkt links der Mitte einnehmen, was daran liegt, dass bei Günther Jauch mehrheitlich rechte, neobliberale und nicht selten rassistische Haltungen vertreten werden, ohne dass Gegenpositionen ein angemessener Raum geboten wird (um es lieber klarzustellen – Letzteres ist natürlich Ansichtssache). Sich über linke Kritik an der Sendung zu wundern, kommt daher ein wenig wie „Irre – Mäuse ärgern sich über Katzen“ oder „Merkwürdig – Veganer fühlen sich unwohl in Schlachthof“ daher.
Es geht im Kern also um politische Standpunkte, aber auch um die Form in welcher die Auseinandersetzungen darum geführt werden. Wenn Markus Söder Yanis Varoufakis mit „Griechenland muss amoal seine Hausaufgaben machen“ angrunzt, hat das mit einem aufgeklärten Diskurs wenig zu tun. Aber Jan Fleischauer und auch der inkriminierte Herr Jauch oder Angela Merkel würden solche inhaltlichen Trennlinien nicht benennen, sie sind da gewissermaßen post-inhaltistisch. Das wiederum ist eine Formfrage, kann aber auch als politische Methode und Machtinstrument zur Durchsetzung bestimmter politischer Positionen und Interessen gedeutet werden.
Jan Fleischauer begreift das alles und auch wieder nicht (oder gibt es zumindest vor): Er unterstellt uns die „Verachtung der Normalität“ und führt aus: „Das eigentliche Ärgernis an Jauch ist seine freundliche Normalität. […] Wenn es jemanden gibt, der im Fernsehen das unaufgeregte, wohltemperierte Merkel-Deutschland verkörpert, dann er.“
Meiner Auffassung nach ist Günther Jauch weder freundlich noch normal. Wer Roger Klöppel kulturrassistische Sachen sagen lässt, Kathrin Oertel oder Frauke Petry und anderen Leuten, die aus Menschenverachtung Kapital schlagen, ein Forum bietet, ist im engeren Sinne nicht „freundlich“. Und ob das „normal“ ist beziehungsweise wird oder nicht, darum geht die ganze Auseinandersetzung. Wir Anti-Jauchs wollen gerade nicht, deswegen zetern wir so herum, dass die von ihm praktizierte Form von Journalismus normal wird, dass die beschriebenen Tendenzen, die sich ja auch in anderen Programmen der ARD, leider auch der Tagesschau abzeichnen, die Norm werden. Darum geht es: Wer bestimmt, was normal ist, bestimmt, was die Norm ist und damit auch, was unnormal ist, und wer sich rechtfertigen muss.
Georg Seeßlen hat mal in der Taz den „ehrenwerten Journalisten“ folgendermaßen definiert: „Der ehrenwerte Journalist versucht eine Erzählung zu kreieren, die sich möglichst, nun ja, realistisch an die Partikel des Wirklichen hält. Er und sie versuchen möglichst viele Partikel des Wirklichen zusammenzubringen, bevor sie eine Erzählung anbieten, die sie mit den Instrumenten der Aufklärung bearbeiten. Der ehrenwerte Journalist reflektiert die Grenzen seiner Erzählfähigkeit und die Grenzen der Erzählbarkeit. Er steht sich selbst und seiner Erzählung kritisch gegenüber und ist bereit, sie im Zweifelsfall zu revidieren.“
Ich finde, dass weder Günther Jauch noch Jan Fleischauer diese Anforderungen erfüllen.

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