Körperbilder

Unsere Medien sind derzeit übervoll mit Bildern eines Mannes, der sich in den letzten Jahren einzig und allein dadurch hervorhob, in großem Umfang an Oberkörpermuskelmasse zugelegt und dadurch einen zehnminütigen Gastauftritt als Wrestler ergattert zu haben (langer Satz, gebe ich zu). Hobbypsychologinnen und -psychologen könnten sich veranlasst sehen, des Herren Zuwachs an Körperumfang als Ausdruck einer beruflichen Krise zu interpretieren. Denn, so wird gesagt: Männer im mittleren Alter, deren Karriere den Zenith erreicht hat oder aus anderen Gründen stagniert, neigen dazu, dies mit Überehrgeiz im sportlichen Bereich, zum Beispiel Marathonläufen, Triathlon oder auch Bodybuilding, zu kompensieren. Das ist menschlich und nicht weiter der Rede wert.

Der Herr, welcher als Aufhänger für diesen Text dient, war mal und ist jetzt nicht mehr ein Fußballtorwart von nationalem Rang. Leistungsabfall durch Alterung und eine dadurch bedingte berufliche Neuorientierung ist im Profisportlerleben normal und eigentlich wiederum nicht der Rede wert. Menschen, die es genau nehmen, könnten noch festhalten, dass durch den enormen Zuwachs an Oberkörperumfang das Karriereende noch beschleunigt wurde. Je mächtiger der Torso, desto unflinker in der Regel der dazugehörige Torwart.

Soweit so normal und eigentlich nicht weiter interessant. Einschränkend wird zugestanden, dass jegliche Vorkommnisse im Bereich des Herrenfußballs dreißigmal wichtiger genommen werden als alle anderen Phänome, die sich in sämtlichen weiteren gesellschaftlichen und sonstigen Sphären ereignen.

Dennoch finde ich den Hype um Bi- und Trizeps unseres textgegenständlichen Herren überzogen. Wo ist der Nachrichtenwert? Wer jeden Tag ein paar Stunden ins Fitnessstudio an die Geräte geht, sieht irgendwann so aus und erhöht seine Berufschancen im Wrestlinggeschäft (Bei Männern geht es schneller als bei Frauen, und ein paar Anabolika zur Unterstützung schaden auch nicht). Die öffentliche Berichterstattung behandelt den Sachverhalt jedoch als seien nachweisbar Aliens auf der Erde gelandet oder sonst etwas objektiv Ungewöhnliches passiert. Die Menschen ergötzen sich an den Bildern des Muskelprotzes und nicht wenige schauen mit der kleinbürgerlich-anorektischen Verachtung des Marathonläufers auf den Bodybuilder hinab: „Haha, soviel Mühe gibt er sich – Nur, um dann so doof auszusehen – Und, Hihi, Wrestling, wie prollig!“, denken sie bei sich (also, ich schließe da einfach mal von mir auf andere, eventuell zu Unrecht). Zur Verachtung gesellt sich daneben aber auch eine kleine Unsicherheit: „Ja, Mensch, der hat zu viele Muskeln – Habe ich möglicherweise doch nicht genug davon?“, kommen vielleicht manche jetzt ins Grübeln. Andere Leute, solche, die sich gar nicht erst ins zum Gang ins Fitness-Studio aufraffen können, mögen sich hingegen getröstet fühlen: „Da betreibt der so einen Aufwand und sieht trotzdem so albern aus – Da ist meine Zeit in „Good Wife“- Bingewatching-Sofaabende doch sinnvoller investiert.“ (Neinnein, ich doch nicht).

Möglicherweise freut sich unser Bodybuilder über die ihm zu Teil werdende öffentliche Aufmerksamkeit. Trotzdem möchte ich kurz darauf hinweisen, dass ich diese Form der Berichterstattung in ihrem Ausmaß absurd finde, auch wenn das mit dem Wrestling tatsächlich lustig ist. Fußballer müssen sich nach ihrem Karriereende halt einen neuen Job suchen, na und?

Üblicherweise sind es primär Frauenkörper, welche als Auseinandersetzungs- und Projektionsflächen dienen. Kritische Feministinnen beispielsweise haben das längst erfasst und angeprangert (konkretisiert zum Beispiel in der Kritik sexistischer Werbung und der unzureichenden rechtlichen Regulierung selbiger) – richtig viel geändert hat sich meiner persönlichen Erfahrung seit dem aber nichts. Die Menschen kreisen um sich und ihre Körper (Während ich dies schreibe, findet sich z. B. auf ZEIT ONLINE, sehr prominent platziert, ein Artikel mit der Überschrift: „Und ewig grinst der Po“) in dem ein Foto von Kim Kardashian besprochen wird – Dass ich überhaupt weiß, um wen es sich bei „Kim Kardashian“ handelt, ist neben allem anderen übrigens Skandal genug.

Zunehmend werden nun eben auch die Männerkörper erfasst. Da steckt einerseits natürlich die Kosmetik- Klamotten und Fitnessindustrie für Herren dahinter, aber ich, mit meinem schlichten, globalisierungs- und kapitalismuskritischen Weltbild wittere noch weitergehende Ursachen. Mir scheint, dass wir uns zunehmend ohnmächtig und einflusslos fühlen, wer kapiert schon noch die Finanzmärkte, wann wird der Euro einbrechen und die europäische Union zerfallen? Wann macht die Umwelt nicht mehr mit oder bricht der dritte Weltkrieg so richtig aus? Wie lange gibt es noch Krankenversicherung, Renten oder Bangladesch? Dass alles können wir nicht vorhersehen oder gar beeinflussen – Unser Bauchfett und unsere Armmuskeln aber schon – ein kleiner, aber immerhin ein Trost.

Advertisements

4 Kommentare zu “Körperbilder

  1. Ich frage mich schon seit längerem, warum der befreundete Onkel mittags seinen Teller nicht mehr leer isst und es mir oder einem befreundeten Kollegen obliegt, sich um um die zweite Hälfte zu kümmern. Vieleicht ist der befreundete Onkel auch auf dem Weg zur Wrestler Karriere und verschmäht aus körperkulturellen Erwägungen die (ganze) Mahlzeit?

  2. ohjeohje, so geht es los. wie ich höre, ist herr dh auch schon im fitness-studio angemeldet, wenn jetzt im kollegenkreis noch ein munterer anabolika-handel einsetzt, dann wissen wir, was die stunde geschlagen hat.

  3. Die Anmeldung erfolgte nach meiner Erinnerung innerhalb einer dieser 15 Minuten Intervalle, in den sich dh mal wieder das Rauchen abgewöhnte. Quasi im Reflex

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s