Emblematische Liebespaare der Weltgeschichte

Wenn man Menschen, die in Beziehungen leben, fragte: „Mit welchem Liebespaar der Weltgeschichte würdet Ihr Euch vergleichen?“, dann erhielten wir vermutlich so Antworten wie: Cäsar und Kleopatra, Romeo und Julia (von den Faulen, die Bücher nicht zu Ende lesen), Bonnie und Clyde, Liz Taylor und Richard Burton oder Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Jogi Löw und Hansi Flick oder Matrix (viele hören ja nicht richtig zu). Die Mutigeren denken vielleicht an Henry und June, die bildungsbürgerlich-zeitgemäßen kommen auf Jules, Jim und Catherine und die, die keinen Ruf zu verlieren haben und sich was trauen, auf Vadder Abraham und die Schlümpfe. Das Referenzpaar von meinem Freund (der sich in dieser Sekunde gerade überlegt, ob er nicht doch Schluss machen soll) und mir sind Pumuckl und Meister Eder.

Für die jüngeren unter den Lesenden: „Meister Eder und sein Pumuckl“ sind die Helden einer Romanserie von Ellis Kaut, die Anfang der 80er Jahre durch ihre Verfilmung bei deutschen Kindern große Bekanntheit erlangten. Pumuckl ist ein anarchistischer Freigeist von der Gattung der Kobolde. Er ist ungefähr 15 cm lang, hat rote Haare, trägt ein gelbes T-Shirt und eine grüne Hose. Laut Erzählung werden Kobolde, die ja im Grundsatz unsichtbar sind, sichtbar, wenn sie an Leim festkleben, der jemandem anderes gehört (nur für diesen Eigentümer – für die vielen intellektuellen Hermeneutikerinnen unter meinen Lesenden: Meister Eder ist der einzige, der Pumuckl sehen kann. „Und sie erkannten sich“, heißt es im Hohelied der Liebe – Und bedeutet: Sie liebten sich). Die Kobolde müssen dann auch bei dem Leimbesitzer wohnen bleiben. Diese unüberzeugende Einleitung führt dazu, dass der Punkrocker Pumuckl und der kleinbürgerlich-solide Schreinermeister Eder (ihm gehört der Leim) ungewollt aneinander gebunden werden. Wie erwartbar empfinden die beiden gegensätzlich gepolten Protagonisten dies zunächst als hinderlich, entdecken dann aber zunehmend die Vorteile einer solchen Konstellation. Pumuckl gerät stets in Kalamitäten, aus denen ihn Meister Eder dann, aus seinem Trott ausbrechen müssend, retten muss. Letztlich profitieren beide von dem Arrangement. Meister Eders Leben wird lebendiger und Pumuckl erlangt Stabilität und Rückhalt, die auch jeder braucht.

Das ganze geht natürlich nicht ohne Reibungen vonstatten (sonst ja auch kein Romanstoff). „Ich benötige keinen Einkaufszettel, Meister Eder!“, muss ich wiederkehrend Samstags meinen Freund anherrschen, der sich nicht vorstellen kann, dass es Menschen gibt, die ohne verwaltungsförmige Präliminarien wissen, was sie brauchen. „Jetzt gibst amoal a Ruah, Pumuckl!“ (an seinem Bayerisch muss er noch arbeiten), erwidert der Lebensabschnittsgefährte häufig, wenn ich wütend herumkrähe, weil er ein von mir gerade erfundenes Spiel nicht sofort ausprobieren will.

Ich denke, dass diese Meister Eder-Pumuckl Konstellationen häufiger sind, als Film- und Literaturgeschichte widerspiegeln. Auf den ersten Blick erscheinen die halt nicht so hip. Andererseits braucht es doch ein bisschen Chaos, um einen tanzenden Stern zu gebären. Der Stern wiederum kann ohne ein bisschen Verlässlichkeit auch nichts Sinnvolles zustande bringen. Oder?

Nachtrag: Meister Eder regt an, ich könne doch die Lesenden auffordern zu berichten, mit welchem Paar sie sich identifizieren oder weitere Beispiele beizusteuern. Gute Idee, macht mal!

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11 Kommentare zu “Emblematische Liebespaare der Weltgeschichte

  1. Meister Eder und sein Pumuckl sind ja nicht so abwegig. Zumindest findet sich darin noch intellektuelle Freiheit und eine gewisse gelassene Distanz. Die meisten Paarbeziehungen würde ich jedoch eher mit (Stan) Laurel und (Oliver) Hardy vergleichen, wobei der vermeintlich dümmere eigentlich der intelligentere ist und der andere getragen von purer Selbstüberschätzung (jaja, ich weiss, das war jetzt gemein…).

  2. Sehr schöner Artikel, und so rundum zutreffend. Dabei wird jedoch ausser acht gelassen, dass die Suche nach Mr. oder Mrs. Right schon eine Religion ansich ist. Dazu hatte ich schon früher ein paar Sachen geschrieben:
    http://nesselsetzer.wordpress.com/2012/10/17/das-single-dasein-und-die-dauerqual-der-freien-wahl/
    Das Ganze konnte man besonders gut konzentriert in Chats beobachten:
    http://nesselsetzer.wordpress.com/2012/11/12/eine-launige-betrachtung-der-banalitaten-des-chatlebens-mit-todesfolge/

  3. Ich finde, dass der Artikel auch zu Deinem Wohlwollen gegenüber Meister Eder und Pumuckl passt: „Zumindest findet sich darin noch intellektuelle Freiheit und eine gewisse gelassene Distanz.“ – Vielleicht ist das ja angesichts der religiösen Überhöhung ein ganz guter Ausweg 🙂

  4. Partnerschaftsmodelle sind wie Kindererziehung- Egal, welche Methoden man anwendet, welches Modell gelebt wird und welche Erfolge erzielt werden, spätestens nach zehn Jahren erweist es sich immer als grundlegend falsch. 😉

  5. Also ich denke, dass die Misserfolge nicht in den Partnerschafts- bzw. Erziehungsmodellen begründet liegen. Die sind schon okay. Die Menschen aber nicht für sie geeignet, da sie den mündigen liebesfähigen Menschen voraussetzen. Und, wie schon Adorno wusste, die gibts nicht: Der schreibt ja in „Erziehung nach Ausschwitz“, dass wir alle mehr Liebe brauchen als wir verdienen (“Denn die Menschen, die man lieben soll, sind ja selber so, dass sie nicht lieben können, und darum ihrerseits keineswegs so liebenswert.”).

  6. Na ja, was nützen mir die schönsten Modelle, wenn sie unbrauchbar sind bzw. wenn die Theorie nicht zu Praxis passt. Ist das dann umso schlimmer für die Praxis, wie man seinerzeit gerne im Kommunismus postuliert hat? Ich glaube eher, dass gerade in der Liebe der Idealfall zur Regelanforderung erhoben wird, und das geht ja grundsätzlich daneben. Und zwar auch deshalb, weil es „die Liebe“ als solche gar nicht gibt. Was es jedoch gibt ist eine kurzzeitige biochemische Reaktion, die nie länger als 8-12 Monate anhält. Ich gebe Adorno nicht recht, denn ich glaube nicht, dass Menschen überhaupt Liebe brauchen. Eher halte ich das für eine (kulturelle) Einbildung – oder für eine völlig überflüssige Tradition. 😉

  7. Das mit den Modellen stimmt natürlich, wenn sie auf nicht vorhandenem Material basieren, sind sie schlecht 🙂 Bei der Liebe, da bin ich mir unsicher. Als selber durch die Kultur geprägtes Subjekt, ist es schwer, da eine „objektive“ Meinung zu entwickeln. Kann schon sein, dass Du recht hast.

  8. Seit Dirty-mein-Baby-gehört-zu-mir-Dancing gab es zugegebener Maßen eine ganze Reihe Liebespaaren, mit denen ich mich zeitweise identifiziert habe (Elisa und Gilles, Clarence und Alabama, Aimee und Jaguar, Ingeborg und Paul, Lore und Harry …) oder unfreiwillig identifiziert wurde (Lew Nikolajewitsch Myschkin, Nastassja Filippowna Baraschkowa und Aglaja Iwanowna Jepantschina … du erinnerst Dich?).
    Unterm Strich finde ich aber, dass ich weit mehr Liebe bekommen habe als ich verdiene, weshalb ich manchmal befürchte, dass das böse Ende für mich noch kommt … wobei natürlich Uschi und Werner erwähnt werden sollten … aber so schöne Beine hatte ich leider nie.

  9. hahahaha,
    boah, an den idioten erinnere ich mich nicht mehr und elisa und gilles kenne ich auch nicht, und clarence und alabama auch nicht, mei – ich bin wohl ungebildet.
    uschi und werner muss ich auch noch mal auffrischen. wenn dus ganz schlimm getrieben hast, wird deine nächste konstellation „prometheus und sein adler“, aber da hab ich doch starke zweifel.

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