Onkel Maike begegnet Kindern und fährt Ruderboot

Heute bin ich mit zwei mir unbekannten Kindern im Blücherpark Ruderboot gefahren. Bevor ich enthülle, wie es dazu kam, möchte ich, wie es sich für einen ordentlichen Onkel gehört, zunächst in ein paar frohen Erinnerungen schwelgen:

Im Laufe meines Lebens bin ich öfter und in verschiedenen Booten gefahren und habe bis auf eine einmalige Seekrankheitserfahrung im Sprachurlaub in Frankreich nur Gutes erlebt. Als ich ein Kind war, ist der Freund meiner Mutter mit mir auf dem Maschsee Tretboot gefahren. Ich kriegte ein Eis und da, wo im Boot die Pedalen waren, konnte man durch Löcher den See sehen, das war aufregend. Ich erinnere mich an Fährfahrten nach Griechenland, Schweden und England sowie mein begeistertes Staunen, dass in so eine handelsübliche Autofähre ungefähr sechs Reisebusse hintereinander passen (später dann auch darüber, wie hübsch die Männer auf den skandinavischen Fähren aussehen). In der Teenagerzeit wanderten wir nachts manchmal von unserer Stammdisko, der „Röhre“, zu bereits erwähntem Maschsee. Gegenüber vom Westufer befand sich eine Waldorfschule, die einige Ruderboote in einem unabgeschlossenen Schuppen verwahrte. Wir nahmen uns dann ein Boot, schleppten es kichernd über die Schnellstraße zwischen Schule und See und schipperten damit herum. Bis auf Konni, der es aber auch wirklich drauf anlegte, ist dabei niemals jemand aus dem Boot in den See gefallen. In meinem aktuellen Leben sind Bootfahraktivitäten eher selten, da sich der befreundete Onkel kategorisch weigert, an Ausflügen auf Tümpeln (und andere Gewässer gibt es in und um Köln herum eben nicht) teilzunehmen. Das mache keinen Spaß, sagt er und schwärmt mir von romantischen Bootsreisen in Holland vor. Meine letzte Fahrt, in einem Tretboot auf dem „See“ im Mediapark, verbrachte ich daher in Begleitung einer Flasche Vino Verde (vom kommunistischen Weinhändler in der Südstadt, lecker). Entgegen des befreundeten Onkels Prognosen war das ziemlich lustig.

Schiffe und Schaluppen jeder Qualität wecken daher immer gute Gefühle und Abenteuerlust in mir. Und als ich heute so ohne den anderen Onkel auf einer Bank am „Teich“ im Blücherpark saß und die dort zum Verleih offerierten schrottigen Ruderboote erblickte, dachte ich mir, hui, ich werde gleich eins von ihnen mieten und ein wenig rudern. Während ich vorfreudig und ungeduldig meine Fassbrause austrank, kamen zwei Kinder im Alter von neun, zehn Jahren des Weges und fragten die ältere Dame, die neben mir saß, ob sie mit ihnen rudern wollen würde. Die Frau verneinte und so wandten sie sich an mich. Die beiden wollten gerne Boot fahren, brauchten dafür aber einen Erwachsenen, da man erst ab 18 Jahren so ein Ruderboot mieten darf. „Wo sind denn Eure Eltern?“, fragte ich hilflos und sagte den Kindern, dass ich als fremde Person mich nicht trauen würde, mit ihnen Boot zu fahren, die Erziehungsberechtigten könnten ja was dagegen haben. Die Eltern hätten das erlaubt, behaupteten die beiden, aber so schnell legt man mich dann doch nicht herein. Auch wenn ich es zutiefst widersinnig fand, da ich ja tatsächlich gerade im Begriff war zu rudern und noch Platz im Boot hatte, konnte ich mich nicht durchringen, die Kinder einzuladen. Weil mir das aber leid tat, sagte ich: „Kommt, dafür kaufe ich Euch zum Trost ein Eis.“ Wir gingen zum Eis/Ruderboot-Stand und sie bestanden weiterhin darauf, Boot fahren zu wollen. Da der Tümpel am Blücherteich ziemlich klein und flach wirkte, ließ ich mich langsam erweichen und sagte zu der Dame, die für die Bootsverleihung zuständig war: „Ich möchte bitte ein Ruderboot mieten, und dann hätte ich noch eine Frage: Diese beiden wildfremden Kinder hier möchten mit mir rudern, wie tief ist denn der See und sind schon mal Kinder in ihm ertrunken?“ Die nette Frau zeigte eine Tiefe an, die den Kindern ungefähr bis zum Hals ging, sagte sie hielte das Unterfangen für ungefährlich, aber garantieren könne sie nichts. „Wildfremde Kinder?“, hakte sie dann noch nach. Ich legte den Sachverhalt dar und wir lachten. Mit ihrer Unterstützung stiegen wir in das wackelige Boot und fuhren los. Und, ich muss sagen: mit Kindern war besser als ohne. Zwar hatte ich die ganze Zeit Angst, das Unwahrscheinliche könne passieren und eins der beiden in den Teich fallen. Ich benahm mich daher wie eine überängstliche Mutti und verweigerte es Kimberley trotz deren hartnäckigen Drängelns das Ruder zu übernehmen: „Nein, ich kann Dich nicht rudern lassen, dann plumpst Du ins Wasser und ich kriege Mecker von Euren Eltern und muss ins Gefängnis.“, versuchte ich mich zu rechtfertigen. Trotz meiner Spießigkeit hatten wir es nett, begegneten einem Schwan, Enten und einem Rauhaardackel, der einem Stock hinterher schwamm und ich stellte ihnen so tantige Fragen wie: „Habt Ihr in Eurem Alter schon was mit Jungs am Hut?“ (noch nicht so richtig) und ob sie gerne in die Schule gingen (die eine ja, die andere nein). Zum Abschied sagte dann Josi, die etwas besser erzogene von beiden: „Danke Maike, das war richtig schön.“ Ich glaube, so freundlich hat noch keine meiner Bootsfahrten geendet.

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4 Kommentare zu “Onkel Maike begegnet Kindern und fährt Ruderboot

  1. Es gibt noch ein paar mehr Rudergeschichten, an die ich gern zurück denke, und die eindeutig belegen, dass es auf der ganzen Welt keinen besseren Onkel gibt, um in einen See zu stechen, als Onkel Maike!

  2. Mein lieber Neffe 1falt,
    irgendwie ahnte ich, dass ich mit diesem Posting Ihre lange Inaktivität beleben könnte (ich finde, ich komme sehr nett rüber :-). Ihre Teilhabe an unseren Maschseeausflügen habe ich bewusst nicht erwähnt (schizophren, wollte Deine Privatsphäre unangetastet lassen).
    Erinnere mich an Tramp-Reisen von Wunstorf nach Hagenburg mit Ihnen, aber nicht an weitere Bootsausflüge 🙂

  3. … in grauer Vorzeit, als sich wassergestützte Leibesertüchtigung noch auf den Lehrplänen niedersächsischer Lehranstalten finden ließ, sah ich mich mit der undankbaren Aufgabe betraut einen schlechtgelaunten Onkel gegen dessen kraftausdrücklich geäußerten Widerwillen zum oben erwähnten Maschsee zu befördern und dort dem gestrengen Rudersportlehrkörper auszuliefern.

  4. ja! oh ja!
    hier haben wir es mal wieder mit einem eklatanten beispiel von „erinnerungsoptimismus“ zu tun. das hatte ich völlig verdrängt. und es ist genauso gewesen. das war sehr nett von dir.
    ich glaube, du musstest mich auf dem rücksitz deines fahrrads da hinchauffieren (irgendwie scheint mir, wir waren früher sportlicher – und in meinem falle, leichter). Wie Du vielleicht auch noch weißt, blieb es bei dieser von Dir eingeleiteten einmaligen Teilnahme am Ruderkurs. Ohne Dich schaffte ich es dort nicht mehr hin. Was dann zu einer recht traumatischen steten Bedrohung meiner Abiturbemühungen führte, da ich in der ganzen Oberstufe einen Sportkurs zu wenig hatte. Nur durch Gemauschel meines, mich mögenden Deutsch-LK-Lehrers (er war Kommunist) mit dem lieben Sportlehrer Herr Fick, konnte mir noch eine außerplanmäßige Sportkursteilnahme ermöglicht werden. Ach ja, die Sorgen der Jugend, nicht wahr?

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