Onkel Maike goes antideutsch

Es ist ungefähr so wie am Ende einer großen Liebe. Man will das nicht und versucht lange, es zu verdrängen. Schließlich war es eine große Liebe. Aber es kommt der Punkt, an dem die Gefühle nicht mehr da sind. Auf einmal steht es klar vor Augen und man sagt sich: okay, nun ist es so, wir müssen da jetzt durch. So geht es mir gerade mit der Deutschen Nationalmannschaft, natürlich zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Und es trifft mich hart.

Ich komme aus einer Fußballerfamilie. Mein Vater, ziemlich talentfrei dabei, und seine drei Brüder spielten alle im Verein, litten unter dem lieblosen Opa und außer Fußball hatten sie, um es zurückhaltend zu formulieren, nicht viel Schönes oder Verbindendes. Als Kind verbrachte mein Vater viel Zeit vor dem Radio, als junger Mann widmete er sich zum Entsetzen meiner Mutter immer noch ausgiebig seinen Fußballtips, momentan ist er, da HSV-Fan, wahrscheinlich mit Trauerarbeit beschäftigt. Lieber als Französischlehrer wäre er Sportreporter geworden. Einmal, ich war so im Grundschulalter, lieh er sich von seinem Schwager, der für eine Sportzeitung arbeitete, dessen Presseausweis, wir gingen zu einem Spiel von Hannover 96 in Lüneburg, schlichen uns auf die Pressekonferenz und er interviewte Hannovers Trainer Jürgen Wähling. Diesen ersten (und soweit ich weiß auch letzten) Auftritt als Fußballjournalist absolvierte er tadellos, meiner Erinnerung nach stellte er von allen Reportern die klügsten Fragen.

Während ich also väterlicherseits früh für die Wichtigkeit von Fußball sensibilisiert wurde, sorgte meine Mutter dafür, dass ich eine solide antinationalistische Haltung ausprägen konnte (vielleicht auch eher: musste). Meine Mutter findet Deutschland scheiße (und die USA gefallen ihr auch nicht viel besser). Sie neigt dabei, wie grundsätzlich, ein bisschen zum unreflektierten Fanatismus und ich bin froh, dass es in ihrer Jugend noch keine Antideutschen gab. Als ich in die erste Klasse ging, hatte ich einen Parka (kennen die Jüngeren unter uns Parkas noch?), auf diesen war eine Deutschlandfahne aufgenäht, die sie angewidert abknibbelte. Meine Kinderbücher, wie „Damals war es Friederich“, handelten vornehmlich von den Greueltaten des dritten Reichs. Freundliche Kinder aus jüdischen Familien wurden unvermittelt aus einem schönen Leben mit liebevoller Mutter und Hausmusik gerissen und im KZ ermordet. Von Deutschen. Auch wenn ich mich gerne ein bisschen über sie lustig mache, bin ich meiner Mutter für diese Form der frühkindlichen Bildung durchaus dankbar. Sie hat ja Recht. Wer sich nicht erinnert, wiederholt! Und wenig ist so schädlich und überflüssig wie Nationalismus. Ich weiß noch, da war ich ungefähr zehn Jahre alt, als mir mit großem Erschrecken auffiel, dass ich ja auch eine Deutsche bin. So ähnlich stelle ich es mir vor, wenn ein Teenager aus einer konservativen mormonischen Familie bemerkt, dass sie/er* homosexuell und monogam ist. Man schämt sich erstmal. Als junge Frau war ich dann manchmal in Frankreich unterwegs und erzählte den Franzosen, ich käme aus Dänemark. Einmal wurde ich für meine überraschend guten Kenntnisse der deutschen Politik gelobt.

Mein daher schwieriges Verhältnis zur eigenen Staatsangehörigkeit (was sich übrigens durch einen längeren Russlandaufenthalt nachhaltig besserte) hielt mich aber nie davon ab, mich mit der deutschen Nationalmannschaft zu identifizieren. Was wäre eine Identität ohne Widersprüche?, tröstete ich mein schlechtes Gewissen und erlebte großartige Fußballräusche. Wie alle Fans habe ich noch viele genaue Erinnerungen, wo ich bei welchem Spiel war. 2006, nach dem Match gegen Argentinien malte ich im Überschwang der Begeisterung unserer weißen Katze schwarz-rot-goldene Ohrspitzen. Das ist mir noch heute peinlich, aber es war schick und meine Mutter konnte es ja nicht sehen. Nun ist das alles eben vorbei. Die endgültigen Auslöser waren wohl die Werbefilme vom joggenden Jogi Löw am brasilianischen Strand und Thomas Müllers Wandlung vom sympathischsten Storch, der jemals ein Länderspiel bestritt zum selbstherrlichen Miasanmia-Fatzke. Vielleicht finde ich nun eine andere Möglichkeit zur Gruppenekstase oder konvertiere zu den Holländern. Spaß macht das Fußball-Antideutsch sein übrigens nicht. Meine Abkehr von der Deutschen Nationalmannschaft ist leider frei von selbstgerechter Befriedigung, die mir eigentlich gar nicht so fremd ist. Ich komme mir vor wie eine verbitterte narzisstische Spaßbremse, die versucht, an der falschen Stelle einen Punkt zu machen. Hup Holland Hup!

NACHTRAG: Auf Freitag.de berichtet ein Autor namens „Onkeli“ von seinem gespaltenen Verhältnis zur deutschen Mannschaft.

 

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2 Kommentare zu “Onkel Maike goes antideutsch

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