Birlikte

Am Pfingstwochenende wurde in Köln-Mülheim zum zehnten Jahrestages des NSA-Anschlags in der Keupstraße das Birlikte-Festival veranstaltet. Birlikte ist türkisch und heißt „zusammenstehen“. Auch ich wohnte dem Ereignis kurz bei. Während ich Wolfgang Niedecken betrachtete und hoffte, dass bald ein anderer Künstler auftreten möge, damit ich meinen Vorsatz, den Abend bierfrei zu gestalten einhalten könnte, wurde das Konzert wegen einer Unwetterwarnung abgebrochen. Meter Paffay und Udo Lindenberg konnten deswegen nicht auftreten. Schade. Der Anlass für den Eintrag sind meine ambivalenten Gefühle gegenüber antirassistischen Groß-Konzerten in Köln. Vorläufer von Birlikte sind die „Arsch Huh“-Konzerte. 100.000 Kölner versammelten sich 1992 auf dem Chlodwigplatz, um gegen die rechtsradikalen Übergriffe auf ein Flüchtlingheim in Rostock-Lichtenhagen zu protestieren. Köln und die kölschen Bands sind sehr engagiert gegen Ausländerfeindlichkeit. So ein großes Konzert setzt sicher ein eindrucksvolles Zeichen. Die Pessimistin in mir fragt sich allerdings, wer genau da beeindruckt wird. Die Nazi-Skinheads, die gerade den nächsten Überfall auf eine Dönerbude vorbereiten? Die NPD? Die Antisemitinnen auf den Montagsdemos? Der Verfassungsschutz? Ich fürchte nicht, die fühlen sich ja eh schon als Märtyrer in einem politisch-korrekt totalitären System, das ihnen die Meinung verbieten will. Die Hannoveranerin in mir hat immer ein bisschen den Eindruck, als erfreuten sich die Kölner auf diesen Veranstaltungen vor allem an sich selbst. Sie sind dann ganz ergriffen, vor allem von ihrer eigenen Toleranz. Auf eine Schule mit einem hohen Ausländeranteil möchten viele von ihnen ihre Kinder aber doch lieber nicht schicken. Musikalisch sind die Kölnerinnen und Kölner Antirassisten. Wenn dann aber in der Keupstraße eine Bombe gezündet wird, kann sich die kölner Polizei gar nicht vorstellen, dass es einen rechtsradikalen Hintergrund geben könnte und hält erst mal die türkischen Anwohner für die Schuldigen. Es dauerte dann knapp zehn Jahre und bedurfte einer Selbstoffenbarung der Attentäter, dass von solchen Ideen Abstand genommen wurde. Deswegen hadere ich mit dem schönen Fest, auch wenn es in dessen Rahmen sicherlich viele sinnvolle Veranstaltungen gab. Zum Beispiel ist mir die Zielrichtung nicht so ganz klar, wogegen genau stehen wir zusammen? Nagelbombenanschläge dürfte sogar die Mehrheit der NPD-Wähler ablehnen. So darf dann zum Beispiel Alfred Neven DuMont auf der großen Bühne das Wort ergreifen und verkünden, das Festival sei „ein Triumph für die Nation“. Das ist mir dann, bei aller Sympathie, doch ein bisschen zu sehr Teil des Problems und nicht der Lösung. Jürgen Zeltinger im Kaftan – „Egal was früher war, jetzt sind wir unvermittelbar“ – war natürlich trotzdem toll.

 

 

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Ein Kommentar zu “Birlikte

  1. leev maike,
    das wichtigste zuerst: jürgen (!) zeltinger.
    (er könnte aber auch tatsächlich ein manfred sein).

    ich bin froh, dass den kölner antirassismus-event-organisierern diesmal zwei oder drei türkische programmpunkte eingefallen sind. bei den beiden arsch-huhs war das noch anders – und wurde ja ein bisschen unangenehm für die organisatoren diskutiert.
    es gibt doch auch kein schöneres zeichen für integration als 100% deutsche bands vor 99% deutschem publikum betroffene lieder spielen zu lassen.

    sinn der veranstaltungen ist m.e., breitflächig wahrnehmbar die offizielle message „rassismus finden wir offiziell doof“ zu verkünden.
    um die nagelbombe oder die keupstrasse ging ist es nicht. sonst hätte da eher der damalige innenminister behrens nochmal erklären können, wieso bereits am tag nach der nagelbombe ermittlungen in richtung rechter hintergrund als unerwünscht erklärt und verhindert wurden. und all die anderen zuständigen, die monatelang die keuptstrassen bewohner mit ermittlungen und razzien gegen mutmassliche pkkler oder rotlichtmilieuer überzogen haben.
    es müsste ein fest der zerknirschtheit, der scham, der entschuldigungen, der anprangerungen sein.
    und nicht das ewige: guckt mal alle her, mir kölsche sin total tolerant und wolfgang niedecken auch.
    (inhaltlich-politischer lichtblick übrigens: die kebekus, mit der war ich sehr zufrieden)

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