Fußball-Filme

Gestern Abend zappte ich in einen Themenabend Fußball bei Einsfestival hinein und sah zwei gute Dokus in Spielfilmlänge:

  • „Wir die Wand“, 90 min., WDR-Produktion, Klaus Martens, abrufbar auf der Mediathek von Einsfestival, hier 
  • „Trainer!“, von Aljoscha Pause, 90 min. (Kinoversion: 138 min.), muss man sich bei Amazon kaufen (auf die verlinke ich nicht), hier ein Artikel auf 11 Freunde mit Trailer
„Wir die Wand“

Der Film versteht sich als „Hommage an die Südtribüne“ und nähert sich seinem Sujet auf schlichte aber ergreifende Weise. Während des gesamten Spiels Dortmund gegen Mainz am 20. April 2013 wurden mit 16 Kameras Personen und Ereignisse auf der Südtribüne begleitet. Das Geschehen auf dem Rasen wird nicht gezeigt und auf einen Kommentar völlig verzichtet. Der Text wird allein von den Menschen der Südtribüne gesprochen, zum Beispiel vom Ultra Borsti: „Mein Name ist Fabian Ludwig, in der Fanszene als „Borsti“ bekannt, beruflich bin ich Holztechniker und soweit es geht, bin ich bei allen BVB-Spielen dabei. Wir spielen ja heute gegen Mainz und ich tippe, ganz bescheiden, also das ist eigentlich meistens so bei mir ein eins-eins…“ (lustige Kutte, ich könnte ewig weiterzitieren und berichten und empfehle: Anschauen!) Neben Borsti kommen weitere Fans zu Wort: Die 70-jährige Karin, Mathias, der 32-jährige Uni-Professor, die 21-jährige Prostituierte Anna-Kathrin, der 59-jährige Bergmann Heinz, Christian vom schwul-lesbischen Fanclub „Rainbow Borussen“, der Ordner Tayfun und andere. Sie alle berichten über den Ursprung ihrer Beziehung zur Borussia (in der Regel vor vielen Jahren vom Papa ins Stadion mitgenommen), die wichtigen Ereignisse ihres Lebens („Vor einundzwanzig Jahren heiratete ich leider einen Mann, der sich überhaupt nicht für Fußball interessiert.“) und die Bedeutung der Südtribüne darin. 

Der Film ist politisch SEHR korrekt und wohlwollend. Rechtsradikalismus und Homophobie scheinen auf der Südtribüne kein bzw. ein lösbares Problem zu sein. Ultras sind sangesfreudige Freaks, die sich primär für sozialverträgliche Ticketpreise („Fuhußball muss bezahlbar sein, Fuhußball muss bezahlbar sein“) engagieren und gerne Sachen zusammen nähen. Mögliche problematischere Aktivitäten werden nicht angesprochen. Die Zusammensetzung der für die Darstellung ausgewählten Fans scheint einem Diversity-Ratgeber entnommen, mir aber nicht wirklich repräsentativ zu sein: Viele Frauen, zwei Migrationshintergründler, ein Homosexueller, ein Professor, ein SPD-Wähler, eine Prosituierte („Ich arbeite schon seit fast drei Jahren als Prostituierte. Und das weiß jede Prostituierte, wenn Dortmund spielt, ist auf der Linienstraße nichts los. Wenn ich ins Stadion gehe mache ich keine Verluste.“), zwei Frührentner, keine Arbeitslosen, keine Rechten, keine Sexisten. Rassismus und Schwulenfeindlichkeit finden alle, sofern sie sich dazu äußern, doof (wer`s glaubt, wird selig). Ein Beispiel für eine kritischere, möglicherweise fundiertere Auseinandersetzung findet sich hier, in einem Portrait von Borsti des Tagesspiegel). Dennoch finde ich den Film gelungen. Auch wenn ich Fußballmusik in der Regel nicht nur nicht schön, sondern richtig scheiße finde (dumpf-martialisches Gegröle mit doofen Melodien), keine Beziehung zu Borussia Dortmund habe und die Farbkombination Schwarz-Gelb nicht nur nicht schön, sondern richtig hässlich finde, war ich nach 90 Minuten doch sehr von der Südtribüne überzeugt und ergriffen.

„Trainer!“

Kaum ein Beruf steht so im Fokus der (medialen) Öffentlichkeit wie der des Profifußballtrainers. Wenige Berufe dürften, auch wegen der unglaublich schnellen Abfolge von Triumph und Niederlage, Hype und Shitstrom sowie dem hohen Druck der daraus resultiert, emotional so herausfordernd sein. Das weckte bei Aljoscha Pause den Wunsch, sich dem Phänomen einmal differenziert und möglichst aus der Perspektive der Trainer selber anzunähern. Hierfür werden drei Spielleiter unterklassiger Teams (André Schubert, St. Pauli, Zweite Bundesliga, Stephan Schmidt, FC Paderborn, Zweite Bundesliga und Frank Schmidt, 1. FC Heidenheim, Dritte Bundesliga) über die gesamte Saison 2012/13 begleitet. Die Protagonisten kommen ausführlich zu Wort und werden beim Training, Taktik-Coaching und während der Kabinenansprache gefilmt. Parallel werden Ausschnitte aus dem Lehrgang zur A-Lizenz an der Deutschen Sporthochschule und kurze Interviews mit Startrainern wie Mirko Slomka, Armin Veh, Thomas Schaaf oder Hans Meyer gezeigt (auch der ewige Peter Neururer kommt kurz zu Wort). Im Beobachtungszeitraum passiert  einiges – Zwei der drei Trainer werden im Laufe des Films entlassen und werden dann auch dabei begleitet. Einer der Trainer verpasst mit seiner Mannschaft erst am letzten Spieltag den Relegationsplatz. Spannend. Das Schicksal des FC Heidenheim werde ich von nun an mit mehr Aufmerksamkeit verfolgen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s