Frauen und Sport

Angeregt durch den Roman „Middlesex“ von Jeffrey Eugenides und die Ereignisse um die Mittelstrecken-Läuferin Caster Semenya bei den Leichathletik-Weltmeisterschaften 2009 in Berlin (kurzer Artikel hier), habe ich mich eine Zeitlang etwas ausführlicher mit den Themen Intersexualität und Geschlechtersegregation im Sport beschäftigt. Medizinisch ist heute anerkannt, dass „Geschlecht“ sich nicht in die binären Pole „männlich“ und „weiblich“ unterteilen lässt. Angemessener ist es, in Bezug auf das Geschlecht von einem Kontinuum zu sprechen. Es setzt sich aus dem phänotypischen, dem hormonalen, dem gonadalen und dem genetischen (und, je nach Sichtweise, auch dem psychischen) Geschlecht zusammen. Der Deutsche Ethikrat hat sich in dieser Stellungnahme  ausführlich mit der Thematik beschäftigt. Daraus wurde auf der rechtlichen Ebene zum Beispiel die Konsequenz gezogen, dass es bei Neugeborenen in Fällen von Uneindeutigkeiten inzwischen möglich ist, weder „männlich“ noch „weiblich“, sondern „ohne Angabe“ im Geburtenregister zu vermerken. Wenn aber neben „männlich“ und „weiblich“ weitere Geschlechter (etwa „intersexuell“) angenommen werden, oder Geschlecht überhaupt als nicht klar abgrenzbares Kontinuum zu begreifen ist, stellt sich die Frage, wie sich eventuell neu ergebende Personenkategorien in Wettkampfklassen im Sport eingruppiert werden könnten. In der Praxis des Leistungssports stellt sich immer das Problem, dass einer Person, die an Wettkämpfen der Damen teilnehmen möchte, unterstellt wird, sie sei eigentlich ein Mann oder zumindest etwas ähnliches. Ein vielzitiertes Beispiel ist die polnische Sprinterin Ewa Kłobukowska, die 1967 nach einem Gentest vom Weltleichtathletikverband von der Teilnahme an jeglichen Wettkämpfen ausgeschlossen wurde. Der äquatorialguineischen Fußballspielerin Genoveva Añonma wurde im Vorfeld der WM 2011 von einigen afrikanischen Fußballverbände ebenfalls unterstellt, ein Mann zu sein. Diese Vorwürfe wurden von der Fifa allerdings für unsubstantiiert befunden und keine Konsequenzen aus ihnen gezogen. Añonma spielt immer noch erfolgreich im Sturm des Bundesligisten Turbine Potsdam.

Es bleibt festzustellen, dass das Problem der Geschlechtertransgression im Sport (fast) immer nur in der Richtung Herren zu Damen und nicht umgekehrt vorkommt. Woran liegt das? Naja, ganz einfach: Männer sind Frauen bei der Bewältigung körperlicher Herausforderungen, bei denen es auf Kraft oder Schnelligkeit ankommt, überlegen. Gilt das für alle Männer im Vergleich mit allen Frauen? Na, so einfach ist es dann noch nicht, im Durchschnitt wohl aber schon. Menschen, die den Chromosomensatz XY aufweisen, produzieren in der großen Mehrheit der Fälle mehr männliche Sexualhormone (Androgene) als Menschen mit dem Chromosomensatz XX, welche mehr weibliche Sexualhormone produzieren. Und die besagten Androgene spielen unzweifelhaft eine wichtige Rolle beim Muskelaufbau, weswegen beispielsweise anabole Stereoide ein beliebtes Dopingmitteln bei Männern und Frauen sind. Aber reicht der unterschiedliche Hormonstatus, um die Differenzen beispielsweise in den Leistungen männlicher und weiblicher Fußballerinnen und Fußballer zu erklären? Es gibt feministisch orientierte SportwissenschaftlerInnen, die das bestreiten würden. Welche körperlichen Fähigkeiten ein Mensch ausprägt, hängt nicht nur von körperlichen Voraussetzungen, sondern auch sehr stark von sozialen Faktoren ab. So wird heutzutage vermutet, dass Jungen sportlich anders sozialisiert werden als Mädchen, indem beispielsweise Eltern ihren Söhnen beim Turnen mehr zutrauen und sie stärker herausfordern als die Töchter. Radikale VertreterInnen solcher Thesen glauben, dass Frauen zu denselben sportlichen Leistungen in der Lage wären, wie Männer, wenn sie nur die gleichen Bedingungen vorfänden. Ich persönlich bezweifle das und vermute, dass es sich eher andersherum verhält: Da eben Männer die Weltherrschaft innehatten, wurden diejenigen körperlichen Leistungen als wertvoll deklariert, die der männliche Hormonstatus begünstigt. Hätten Frauen die Definitionsmacht über körperliche Leistungen und deren Wert für das gesellschaftliche Ganze inne, so gäbe es vermutlich mehr Ballett-, Bauchtanz- und Yogaweltmeisterschaften und -olympiaden. Ein anderer Interpretationsansatz könnte, das wäre dann wiederum sozialisationsbedingt, auf unterschiedliche Neigungen von Männern und Frauen rekurrieren. Frauen beschäftigen sich (im Schnitt) einfach weniger mit „schnell im Kreis laufen“ oder „schwere Kugeln weit weg werfen“, nicht weil sie es nicht können, sondern weil es ihnen zu doof ist. Dieser Ansatz liefert allerdings keine Erklärung dafür, warum Frauen in der Regel auch eine geringere Leistungsfähigkeit in komplexeren, kommunikationsfähigkeitserfordernden Disziplinen wie beispielsweise bestimmten Mannschaftssportarten zeigen.

Nun ja, es gibt also ein paar Erklärungsansätze bezüglich unterschiedlicher sportlicher Fähigkeiten bei Männern und Frauen. Diese versagen allerdings völlig, wenn wir uns in den Bereich der Sportarten begeben, bei denen es ausschließlich auf mentales Leistungsvermögen ankommt. Schon drei Mal habe ich in meinem Skatverein den Damenpokal gewonnen. Ich kann die Existenz dieses Pokals nicht sachlich rechtfertigen, freue mich dann aber doch immer sehr, überhaupt irgendetwas errungen zu haben (leider sind da immer ein paar Männer, die einfach besser spielen als ich). Genauso verhält es sich im Schach. Im Schnitt sind dort Männer wesentlich erfolgreicher. Als bestplatzierteste Dame rangiert die Ungarin Judith Polgár an 55igster Stelle der Weltrangliste. In Zeit-Online findet sich ein Interview mit der deutschen Großmeisterin Elisabeth Pähtz zur Frage der Geschlechterunterschiede im Schach. Ich wollte es meinen Lesenden nicht vorenthalten, denn für eine Schachmeisterin finde ich Frau Pähtz erfrischend dämlich. Dass Männer besser, nämlich risikobereiter, Schach spielen sei evolutionsbedingt: „Sie mussten doch früher Nahrung besorgen und Tiere jagen.“ Männer seien des Weiteren dadurch begünstigt, dass sie länger sitzen könnten: „Männer haben mehr Energiereserven, mehr Sitzfleisch. Frauen brechen nach dem 40. Zug, nach vier Stunden oft zusammen.„. Dazu geselle sich dann, ab der Pubertät, der Nerdfaktor: „Sie sehen doch mit 15 noch aus wie ein Kind, kein Mädchen interessiert sich für sie. Das ist der Vorteil, den die Jungen haben. Aus ihnen werden oft Männer, die ihr ganzes Leben nur an Schach denken können.“ Diese Nachteile könnten allerdings zum Teil dadurch ausgeglichen werden, dass männliche Spieler in Anwesenheit  attraktiver weiblicher Spielerinnen von Verkrampfungen befallen würden.

Hui, dachte ich, in der Welt des Schachs scheint es ja noch recht steinzeitlich zu zugehen: Die Frauen zu doof zum Sitzen und die Männer zu läppsch, um sich für Frauen zu interessieren – zum Schach berufen aus Verzweiflung. Das würde dann eigentlich wieder meine Sozialisationsthese stützen: Frauen könnten mehr und besser Schach spielen, wenn sie denn wollten – Sie haben aber halt was Besseres zu tun.

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