Eine E-Mail an Fefe

Ich habe dem berühmten Blogger Fefe eine Mail geschrieben. Fefe ist sehr anerkannt und beliebt, ich glaube wegen seiner klugen Ausführungen in IT-Fragen. Mit Genderforschung kennt er sich, diesem Blogeintrag zufolge, hingegen noch nicht so gut aus. Da ich befürchte, dass Fefe meine Mail wahrscheinlich gar nicht liest (schätzungsweise erreichen ihn heute mehr als genug Zuschriften entrüsteter Feministinnen), geschweige denn sie angemessen würdigen wird (d. h. sofort zum Genderismus konvertieren und mir zum Dank einen Blumenstrauß schicken) und ich sie nicht umsonst geschrieben haben will, wird sie einfach hier noch mal abgedruckt:

NACHTRAG: Fefe hat meine Erwartungen enttäuscht und auf meine Mail sehr ausführlich geantwortet. Ich finde Fefe jetzt nett. Ein Missverständnis entstand dadurch, dass er einen, nennen wir es mal, engeren Wissenschaftsbegriff  hat als ich. Was nicht im Experiment bewiesen werden kann, ist keine Wissenschaft. Andere Erkenntnismethoden sieht er aber als gleichrangig an. Einige andere Aspekte müssen noch diskutiert werden 🙂

Guten Tag Herr Fefe,
ich las gerade Ihr Blogposting zum Thema Gender Studies und fand es etwas garstig. Mich wundert auch nicht so richtig, dass Sie ein paar unfreundliche, unkooperative Antworten bekommen haben. Ich versuche mal zu erklären, woran das liegen könnte. Mit Ihrer Herangehensweise, die ich übrigens als ziemlich unwissenschaftlich bezeichnen würde, reihen Sie sich, möglicherweise ungewollt, in eine Riege sexistischer alter Männer, wie zum Beispiel Harald Martenstein, ein, die nicht müde werden, zu betonen, die Gender Studies seien naturwissenschaftsfeindlich und selber gar keine Wissenschaft. Selbstverständlich muss jede wissenschaftliche Disziplin Rechenschaft über ihre Methode sowie Erkenntnisgegenstand und -Ziel ablegen und selbstverständlich kann und soll immer kritisch nachgefragt werden. Es gibt aber Formen der Nachfrage, die ein politisches Kalkül nahelegen (zum Beispiel wenn falsche Tatsachen behauptet werden). In der Hoffnung, dass Sie bis hier gelesen haben, folgen jetzt ein paar Erläuterungen zu den Gender Studies“.
Punkt Eins (der wichtigste): Die“ Gender Studies gibt es gar nicht. Es gibt eine Vielzahl von Methoden und Fachdisziplinen, die sich mit, nennen wir es Geschlechterfragen“ (ich selber würde sagen  Geschlecht als Strukturkategorie“) befassen. Gender Studies“ ist insofern eine inhaltliche Bestimmung des Gegenstandes, dem sich mit vielen Methoden genähert wird. Eine Ausgangsannahme hierbei ist es, dass den Kategorien männlich“ und  weiblich“ häufig unhinterfragte Annahmen/Zuschreibungen zugrundeliegen, die selber nicht wissenschaftlich begründet sind (z. B.  Frauengehirne funktionieren anders als Männergehirne“, Frauen wollen immer shoppen, Männer immer poppen“).
Warum ist das überhaupt interessant? Naja, aus tausend Gründen, literarischen, naturwissenschaftlichen, soziologischen, um nur ein paar zu nennen. Eine gutgelaunte Person mit viel Zeit könnte jetzt sehr viel erzählen. Wie ändern sich Männer- und Frauenbilder im Laufe der Geschichte, Darstellungen, Formen von Beziehungen, Selbst- und Fremdbilder, was gilt als normal, was nicht. Das ist zum Beispiel künstlerisch sehr interessant – Gäbe es keine Probleme zwischen Männern und Frauen, womit hätte Shakespeare sich beschäftigen sollen?, aber auch naturwissenschaftlich – Sie irren, wenn sie denken, dass sich die Welt der Gehirnforschenden so einig ist, was die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen betrifft. Oder die Biologen: was ist überhaupt, biologisch gesehen, ein Mann, eine Frau? Was existiert dazwischen? – Da gibt es eine sehr interessante Stellungnahme des Deutschen Ethikrates (der nicht direkt ein hyperradikales autonomes Frauen- und Kampflesbenreferat ist) zum Thema und zur politischen Relevanz von Intersexualität. Auffassungen davon, was männlich und was weiblich ist, beeinflussen beispielsweise auch unsere Vorstellungen und Haltungen bezüglich Homosexualität. Ich finde, dem kann doch die politische Aktualität nicht abgesprochen werden. (Oder gehören Sie zu den Leuten, die finden, dass das alles übersterilisiert wird? Ich finde das nicht, zumindest nicht in Russland, da gehts vielen homosexuellen Leuten schlecht. Oder fragen Sie mal einen 14jährigen schwulen deutschen Jungen, der überlegt, Fußballprofi zu werden, ob er so richtig glücklich ist – Ach nee, das geht, nicht, weil man die nicht findet, weil sie sich nicht trauen, darüber zu sprechen).
Auch soziologisch sind das wichtige Fragen, zum Beispiel in der Arbeitssoziologie. Frauen leben (immer statistisch gesehen, natürlich) in anderen beruflichen Umständen als Männer, arbeiten zum Beispiel zu einem weit höheren Anteil Teilzeit (oder auch gar nicht, die Zahlen sind interessant). Auch wenn man sagt, ja das muss so sein, ist es trotzdem interessant zu beschreiben und hinterfragen, denn diese gesellschaftlichen Verhältnisse unterliegen einem steten Wandel.
So, jetzt noch was zu den Methoden: Je nach Disziplin sind die natürlich unterschiedlich. Die berühmteste und berüchtigste aller Genderforschenden dürfte Judith Butler sein – Eine Sprachphilosophin – Zur Methodik empfehle ich vielleicht Wittgenstein zu rezipieren. Der Geschlechterfrage kann man sich auch kultur- und literaturwissenschaftlich nähern – Hermeneutik! Diesen weichen“ Disziplinen sollte zumindest nicht Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen werden, nur weil sie sich nicht naturwissenschaftlicher Methodik bedienen, das machen beispielsweise die Sprachwissenschaften nie. Soziologische Geschlechterforscherinnen arbeiten, wie alle Soziologinnen, empirisch, qualitativ und quantitativ – normal. Das kann auf Geschichtswissenschaften etc. übertragen werden. Feministische Rechtswissenschaft bedient sich häufig soziologischer Methodik in Kombination mit juristischen Techniken. Ja, und Naturwissenschaftlerinnen, die sich mit Genderfragen beschäftigen (ich empfehle die Lektüre von Aufsätzen beispielsweise von Sigrid Schmitz oder Heinz-Jürgen Voss), benehmen sich wie ganz normale Naturwissenschaftlerinnen. Es ist erstaunlich, aber so ist es.
Viele Grüße
von Maike
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2 Kommentare zu “Eine E-Mail an Fefe

  1. fefe regt sich nun darüber auf, dass bei einem französischen kernfusions-projekt ausgerechnet (!) ein japaner für den nuklearteil und (gasp!) ein italiener für’s engineering zuständig sein soll!

    (berichtet vom jetzt ex-fefe-affinen kollegen)

    • Ach Fefe,
      hm. Manchmal argumentiert er etwas kurzschlüssig. Allerdings ist er, wieder sehr nett, ziemlich pro Linkspartei. Wenn Du selber einen blog eröffnest, kannst Du in ihm einen „Fefe-Rant“ veröffentlichen. Ich prognostiziere, dass das in 10 Jahren eine anerkannte literarische Gattung sein wird.

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