Carsten, der Papagei

Um Leserinnen anzulocken, wurde eine Überschrift mit fiktivem Inhalt gewählt. „Hui, was hat der tüchtige Vogel wohl für Abenteuer erlebt?“, werden sich einige erwartungsvoll gefragt haben, die ich jetzt enttäuschen muss: Den Papageien Carsten, ebenso seine Käfiggenossen Sven und Volker-Christian, gibt es  in der echten Welt nicht. Papageien haben, wie auch alle anderen Tiere, sehr selten normale Menschennamen. In der Regel suchen ihre Besitzer Tiernamen für sie aus, wobei sie dann noch nach Spezies differenzieren. Papageien heißen Cora, Katzen Tiger und Hunde Arko, Rex oder Jackie. Formen der Segregation, die nicht unhinterfragt bleiben dürfen. Onkel Maike schreitet zur Aufklärung:

Zunächst muss eingestanden werden, dass auch ich selber nicht schon immer die angemessenes Problemsensibilität aufweisen konnte: Als Kind fröhnte ich einer ziemlich eklektizistischen Tiernamenauswahl. Die erste Katze, die  ich selber taufen durfte, hieß Klara (nach der Frauenrechtlerin Clara Zetkin einerseits und Goofys Freundin Klarabella andererseits). Klaras, in meinem Kleiderschrank geborene, Kinder wurden nach der Indianertocher „Pocahontas“ (Sie hatte einen weißen Pfeil auf der Stirn) und „Roncalli“ (dem Zirkus) benannt. Erst in fortgeschrittenerem Alter wurde mir die namentliche Ungleichbehandlung der Tierwelt bewusst und ich plante die Anschaffung einer Katze, einzig und allein zu dem Zweck, sie Jens-Uwe zu nennen.

Aufgrund unsteter Lebenumstände und vorgetäuschter Tierallergien der Lebens-abschnittsgefährten kam es dazu aber nie. Bis heute leide ich unter einem unerfüllten Katzenwunsch (dem unerfüllten Kinderwunsch für Arme) und brachte es lediglich zu zwischenzeitlichen felinen WG-Mitbewohnern namens Filou und Neo. Darüber hinaus musste ich mir einzugestehen, dass es noch andere gab, denen das Tiernamenproblem aufgefallen war. Lustige Hipster-Avantgardisten nennen ihre vierbeinigen Freunde schon längst gerne mal lässig-ironisch Frank, Regina oder Jürgen. In der Körnerstraße in Köln-Ehrenfeld (für die vielen überregionalen und internationalen Lesenden: wichtiges Hipsterghetto in der Rheinmetropole) werden wohl keine Hunde, die Bello oder Hasso heißen, mehr ansässig sein. Auch Mitglieder der sozialen Kaste der Punker haben eine natürliche Neigung zu unspießigen Tiernamen. Als gelungenes Beispiel sei  der Mülheimer Rüde „Krise“ genannt.

Damit bleibt das grundsätzliche Problem aber ungelöst, schließlich werden nicht alle Frettchen dieser Welt in der Körnerstraße oder von Punkern aufgezogen und haben damit gute Chancen, geschmackvoll getauft zu werden. Unser Blick wird damit auf wichtige offene Fragen gelenkt: Die Schichtspezifität von Tiernamen (Für Menschennamen wurde das Phänomen ja umfassend untersucht, die Eltern von Phillipp-Alexander und Sophie erwarten mehr als einen Realschulabschluss, während das bei Pierre-Jacques wahrscheinlich anders ist). Nennen die Leute in Köln-Chorweiler ihre Französischen Bulldoggen anders als die in Rodenkirchen? Heißen Zuchtmöpse aus dem Edelzwinger anders als durchschnittliche Tierheimmischlingszottel? Und wie wirkt sich das auf deren Lebens- und Bildungschancen aus? Eine andere Referatsaufgabe könnte darin bestehen, die Fragestellung in einen historischen Kontext einzuordnen, „Von Hasso zu Krise: Tiernamen im Wandel der Zeit“. Und wie sieht es in anderen Ländern aus? Abschließend sollen noch ein paar tröstende Worte an all jene gespendet werden, die ohne eigenes Verschulden an Tiere mit doofen Namen geraten sind, zum Beispiel weil sie diese aus einem Tierheim geholt haben. Ich glaube, dass es allen Katzen ganz egal ist, wie sie heißen und mit welchem Namen sie angesprochen werden. Die sind da pragmatisch, wenn von einem Kommunikationsangebot ein positives Ergebnis zu erwarten ist, gehen sie gerne darauf ein.

Über Lesendenkommentare mit lustigen (Gegen)-Beispielen würde ich mich freuen. Vielleicht meldet sich ja die empörte Eigentümerin des Korallensittichs Volker-Christian oder jemand kennt eine Boa Constrictor namens Gerd. Interessierte können erstmal hier weiterlesen: www.kuhnamen.de

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8 Kommentare zu “Carsten, der Papagei

  1. ich glaube, ein terrier namens „tyson“ ist ähnlich schicht- (oder eher milieu-?) spezifisch wie eine katze nach clara zetkin zu benennen. noch *vor* pocahontas.

    … aber läuft das ganze nicht eh auf klassistische stigmatisierung hinaus?

    hier übrigens noch ein paar tips zur auswahl des richtigen hundenamens:

    1. Rufnamen für Hunde sollten kurz, prägnant und klar auszusprechen sein. Ideal sind 2 Silben.
    2. Bei mehreren Hunden empfiehlt es sich, die Namen nicht auf den gleichen Vokal enden zu lassen. Das macht die Namen zu ähnlich und führt zu Irritationen unter den Tieren. Wer also eine Hündin mit dem Namen Aike hat, sollte die zweite Hundedame nicht gerade Heike oder Mareike nennen. Besser wäre zum Beispiel Manja.
    3. Bedenken Sie von Anfang an die Endgröße Ihres Welpen. Ein Bullmastiff-Hündin mit dem Namen “Flitzi” mag im Welpenalter noch für amüsierte Blicke sorgen. Wenn sie dann stattliche 60 Kilo erreicht hat, wirkt der Name für das Tier unpassend.
    4. Richten Sie sich nicht nach dem Namen auf der Ahnentafel, wenn er Ihnen nicht gefällt. Der “Papier-Name” muss dem Rufnamen nicht ähneln.
    5. Als Züchter empfiehlt sich die Auswahl des Namens passend zum Zwingernamen und zur Herkunft der Rasse. Zu einer englischen Rasse passen japanische Namen nur sehr bedingt, es sei denn, dass sie inzwischen eingedeutscht wurden.

    • Lieber Jupp Sitzplatzaus,,
      danke für die vielen sinnvollen Hundbenennungstipps. Ich kann bezüglich Katzen noch ergänzen, dass diesen nachgesagt wird, dass sie besonders gut die Vokale „i“ und „u“ verstehen. Der ideale Katzenname wäre mithin Filou, von Abraham oder Otto ist hingegen eher abzuraten. Allerdings glaube ich dass Katzen eh nur auf ihren Namen hören, wenn es ihnen gerade sinnvoll erscheint, also sollte der Name vor allen den Besitzern gefallen.

      Was die milieuspezifische Stigmatisierung betrifft, so ist zu fragen, ob sich aus der Beschreibung und Einordnung ein Erkenntnisgewinn ergibt. So ist ja für Menschen namens „Kevin“ belegt, dass allein der Name zur Schlechterbehandlung durch Grundschullehrerinnen führt. Das ist ja schon interessant.

  2. Mein Wellensittich hieß „Hansi“. Diesen Namen würde ich unter „hybrid“ einordnen, da ich (schon vorher) diesen Namen mit Wellensittichen verbunden hatte, obwohl es natürlich auch ein Jungenname oder zuimndest die Verniedlichung dessen ist. In Leverkusen-Hitdorf heißen französische Bulldoggen übrigens „Polly“. Unsere weiße Katze hatten wir bereits Miró getauft als wir feststellten, daß es sich um ein Weibchen handelt. Obwohl (oder gerade weil) Miró taub ist haben wir den Namen nicht mehr nachträglich geändert. Quasi ein Fleisch gewordenes „A boy named Sue“ von Johnny Cash. Der Vollständigkeit halber seien noch die Namen unserer restlichen, zum Teil verschollenen oder dahin geschiedenen Katzen und Kater zu statistischen Zwwecken erwähnt: Cammy, Moses, Bruno und Gonzo. Die Yorkscher Terrier Dame „Bluna“ zählt nur halb, die mussten wir bereits nach der ersten Nacht wieder zurück geben, da die Katzen offensichtlich an einem Mordkomplott arbeiteten. Zurecht…

  3. Lieber Wolle,
    herzlichen Dank für die statistsichen Daten, die sind ja ein Eldorado für Tiernamensforscherinnen. Zu Hansi eine Geschichte, die ich immer gerne erzähle. Ich kann Deine These toppen und behaupten, dass der Name in Deutschland sogar tribrid ist. Die beste Freundin meiner Mutter hieß die ersten vierzig Jahre ihres Lebens so. (Sie war die vierte Tochter eines Vaters namens Hans und sollte eigentlich ein Junge werden). Hansi brauchte viel Geduld mit der für Namensänderungen zuständigen deutschen Behörde, die ihr sofort erlaubt hätte, ihren polnisch klingenden Nachnamen zu modifizieren, aber nicht fand, dass es schlimm sei, wie ein Wellensittich zu heißen. Inzwischen hat sie einen „normalen“ Frauennamen, der auch mit H anfängt.
    Polly – Sehr gelungen, man merkt sofort, dass es ein Künstlerhund ist – Einfach keck einen Papageiennamen gewählt
    Miro – Ist das nicht ein Nachname?
    Cammy und Gonzo – Interessantes Phänomen, deutschen Tieren englische Namen zu geben. Vielleicht gibt es in den USA lauter Schäferhunde namens Helmut oder Maike
    Bruno – Sehr schön, eigentlich wohl eher ein Schäferhundname
    Moses – Auch gut.

    • „Cammy“ kam von „Cammykatze“, was sich von „Kamikaze“ ableitet. Der Name wurde nicht willkürlich gewählt. Cammy (Gott hab sie selig…) war behindert und hatte unter anderem Höhenangst. Auch war sie sehr langsam in ihrer Wahrnehmung. Wenn man mit ihr spielen wollte hat sie einen herannahenden Ball quasi erst merkt, als er bereits von ihrem Kopf wieder weggetitscht war.

      • Da sieh mal einer an, Kater Neo, dessen Mitbewohnerin ich eine Zeitlang war, mangelte es an der Fähigkeit, halbwegs elegant irgendwo runterzuspringen (sehr unkatzig), er ließ sich immer plump und ungelenk herunterfallen – vielleicht hatte der ja auch Höhenangst.

  4. Mein Albino-Zwergkaninchen hieß „Franz Jürgen“, sein Nachfolger „Kuschelchen“ erlag am Ende seiner Reise dem Hodenkrebs. Zwei kreuzsüinnen hießen „Jo-Jo“ und „Tomate“😀

  5. Lieber AMD,
    Du bist eindeutig überqualifiziert für diesen Blog. Allerbesten Dank dafür, dass Du Dein Talent zur Tiernamensfindung trotzdem hier mit uns teilst. Eine Kreuzspinne namens Tomate???!!! Das wäre selbst, wenn es nicht wahr wäre, immer noch große Kunst/Punkrock vom Feinsten. Stilistisch interessant die jeweilige Mischung zwischen „avantgardistischen“ (Tomate, Franz-Jürgen) und eher durchschnittlichen (Jo-Jo und Kuschelchen) Namen.
    Es verneigt sich

    Onkel Maike

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