Der Onkel ist Rassist

Was ich schon immer ahnte, konnte jetzt im Selbstversuch bestätigt werden. In einem guten Artikel auf Freitag.de (Sie können auch einfach den lesen, und sich meinen Quatsch hier sparen) hat Matthias Dell, den ich bislang nur von seinen, wie kann man das nennen, hm, ich versuchs mal mit „absurd beknackten“ Tatort-Artikeln, kannte, erklärt, warum Axel Hackes Buch über Verhörer, „Der weiße Neger Wumbaba“, rassistisch ist. Aufgeklärtere, sensiblere Leute denken jetzt schon, oh man, scheißdummer Onkel, ist doch offensichtlich. Ja, schon, aber ich bin ja auch Rassist. Ganz kurz erklärt, in dem Buch geht es um Verhörer. Also, dass Leute, wenn sie, zum Beispiel englische Lieder hören, etwas anderes hören, als eigentlich gesungen wurde. Weil mir spontan kein Beispiel einfiel, obwohl mir das auch ständig passiert, und erstmal im Internet gesucht werden musste, weiß ich jetzt aus Spiegel-Online, Eines Tages, dass es sogar ein Fachwort dafür gibt: „Soramimi“. Also zum Beispiel: „The ants are my friends, they‘ re blowing in the Wind“, das Lehrbuchbeispiel ist wohl „Agathe Bauer“ für „I got the power“. Weltberühmt, kann mensch sich aber immer nochmal anschauen: diese deutschen Missversteher eines türkischen Songs („Keks, alter Keks, ist der mit Ohrsand, Keller-Lügner“).

Ach ja, eigentlich wollte ich ja erklären, warum ich rassistisch bin, protokolliere aber lieber, wie ich im Internet surfte (auch das ist vermutlich rassistisch oder zumindest aktive Verhinderung von Aufklärungsarbeit). Der weiße N* Wumbaba ist nun ein Verhörer von „der weiße Nebel, wunderbar“ – Teil eines Gedichtes von Matthias Claudius. (Übrigens weiß ich nicht, ob es auch ein Soramimi ist, wenn mensch sich in der selben Sprache verhört). Weil Axel Hacke nun gerade diesen Verhörer von allen am publikumswirksamsten fand (ich nehme an, das war der Grund), hat er ihn als Titel für sein Buch ausgesucht. Michael Sowa hat dazu das Titelbild gemalt. Die dargestellte Figur ist hellhäutig, erfüllt ansonsten aber viele rassistische Klischees: in den Haaren ein Knochen, große Ohrringe, wulstige Lippen, Bastrock, dicker nackter Bauch. Was mensch sich halt so vorstellt. Unter anderem ich anscheinend. Ich kenne das Buch schon lange und fand das nie problematisch. Gestern nun lese ich den Artikel, der das kritisiert und mein erster Gedanke ist – Ja, aber die Figur, das ist doch ein Ausdruck kindlicher Phantasien, das ist halt lustig und nicht böse – und es bringt doch nichts, das zu verbieten. Es ist aber eben doch böse. Matthias Dell erklärt das so:

Stellen wir uns einmal vor, einer der Einsender hätte sich so verhört, dass dabei – bei welchem Lied auch immer – „der ewige Jude Jägermann“ herausgekommen wäre. Wäre das der Titel des Buches geworden? Hätte Zeichner Sowa einen „ewigen Juden“ gemalt mit Hakennase, fiesem Grinsen, münzenschwingend, der einen putzigen Jägerhut trägt und das Gewehr über der Schulter? Hätte es diese Verhörung überhaupt in das Buch geschafft? Hätte der Mensch, der sich als Kind so verhört hätte, diese Fehlleistung eingesandt? Hätte er sich überhaupt derart verhört?

Tja, ertappt, dem gibt’s nichts hinzuzufügen. Gings noch wem so? Der befreundete Onkel hat die Aussage verweigert. Also, guter Artikel, ich verzeihe Matthias Dell seine sämtlichen, wie soll ichs nennen, ich versuchs mal mit „mein Fassungsvermögen übersteigenden“ Tatort-Artikel. Ach, und immer wieder herzerfrischend, die bösartigen, grunddummen Menschenhasser-Kommentare unter menschenfreundlichen Artikeln wie diesem, erste Bemerkung gleich so: „Tja Herr Dell, auch wenn Sie sich dagegen verwahren wollen, das ist ein sprachpolizeilicher Gutmenschenartikel in Reinform.“ – Boah, ich könnt mich schon wieder aufregen über die fiesen Rassisten – Aber ich bin ja jetzt einer von denen.

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4 Kommentare zu “Der Onkel ist Rassist

  1. uh, ganz schwieriger beitrag.
    die meisten wollen eh keine sprachpolizeilichen gutmenschenartikel lesen und könnten sich gelangweilt abwenden.
    die unmeisten, die noch sprachpolizeiliche gutmenschenartikel lesen möchten, könnten sich empört abwenden, weil dich der weisse neger nicht empört hat.

    und jetzt?
    bloss nix über rassismus im fussball! das wär noch verheerender!
    oder rassismus im zauberberg!
    oder rassismus und prostitution!.

    weitgehend unbearbeitet wäre aber z.b. das thema „fussball im zauberberg“.
    (welchen trainertyp repräsentiert settembrini, welchen naphta? oder … der bleistift als phallus im zauberberg, der ball als yoni (?) im fussball – parallelen und unterschiede. oder … wer spielt wohl welche position im fc berghof? oder …)

  2. Lieber Jupp Wumbaba, da hast Du sicher Recht. Die Zielgruppe, welcher der Beitrag gefallen könnte, ist wohl wirklich ungemein klein. Und ich komm nicht so gut weg. Settembrini wäre Giovanni Trappatoni (wenn das mal nicht wieder rassistisch ist, weil ich die nur ihrer Nationalität wegen miteinander assoziiere).

  3. Lieber Onkel Maike,
    so sehr ich Deine schonungslose Selbstkritik sonst zu schätzen weiß … heute schießt Du mit Deiner Selbstbezichtigung ein wenig über’s Ziel hinaus!

    Auf Wikipedia einigte man sich im Rassismus-Artikel auf folgende Begriffsbestimmung: „Rassismus zielt … nicht auf subjektiv wahrgenommene Eigenschaften einer Gruppe, sondern stellt deren Gleichrangigkeit und im Extremfall deren Existenzberechtigung in Frage.“

    Allein das Verständnis bestimmter Eigenschaften als kulturelle Marker mit rassistischer Tradition macht Dich also (nach meinem Dafürhalten) nicht zum Rassisten. Mehr noch: Weder die Benennung von Merkmalen, noch deren Überzeichnung in Karikaturen ist nicht per se rassistisch. Umgekehrt können Stereotype und Karikaturen zweifelsohne rassistisch und abwertend eingesetzt werden, belasten damit prinzipiell neutrale Begriffe nachhaltig und machen sie bisweilen unbrauchbar oder geschmacklos.

    Wen wundert es also, dass in einer Kultur mit einer derart langen Tradition rassistischen Denkens und Handelns auch die Sprache kontaminiert ist? Und natürlich – da gebe ich Dir absolut recht – ist das nicht „harmlos“ oder „niedlich“, nur weil es Kindern vor dem Einschlafen erzählt wird. Diese Sprachräume zu verstehen und zu nutzen ist aber nicht gleichbedeutend damit, jede Gesinnung zu teilen, die ihre Spuren in ihnen hinterließ.

    Wenn also politische Korrektheit dazu führt, dass bereits das das Benennen rassistisch belegter Begriffe und Eigenschaften als rassistisch verstanden und sanktioniert wird, erschwert das die Auseinandersetzung mit rassistischen Verknüpfungen und führt lediglich zur allseits bekannten Trotzhaltung („heutzutage darf man(n!) ja gar nichts mehr sagen …!!! Sonst steht man ganz schnell in der rechten Ecke!“).

    Gegen diesen kindischen Trotz wäre ja nicht viel einzuwenden, wenn in ihm nicht dieses fiese Fünkchen „es wird schon was Wahres dran gewesen sein“ schlummern würde. Und tatsächlich: Ja! Sehr viele Afroamerikaner haben eine schwarze Hautfarbe! Fast alle Frauen sind weiblich! Die meisten Muslime glauben an den Koran!

    Wenn wir also das Äußern subjektiv wahrnehmbarer Eigenschaften und damit Offensichtliches verbieten, um die Spuren unserer beschämenden Vergangenheit abzuschütteln, erreichen wir wohl eher das Gegenteil: denn in der Verschwiegenheit verschmelzen „anders“ und „minderwertig“ erst recht.

    Meiner Meinung nach können wir unsere Sprachtradition durch Tilgung nicht bereinigen und sollten es auch nicht versuchen. Viel wichtiger finde ich eine wache und kreative Auseinandersetzung mit unserer/n Geschichte(n) – gerade die in den Kinderzimmern – und damit auch die revolutionäre Frage: Wollen wir unsere Kinder denn überhaupt mit einem Gedankengut groß werden lassen, in dem alte einsame Frauen Kinder mästen und verspeisen?
    Die Frage ist also nicht „diskriminieren wir Wiccas, wenn wir Hänsel und Gretel vorlesen?“ sondern „welche Geschichten möchten wir überhaupt erzählen?“, „was sollen unsere Kinder lernen?“ Nur weil die Gebrüder Grimm es aufgeschrieben haben, und es keine Studien gibt, die belegen, wie sehr uns dieser Quatsch geschadet hat, ist es ja nicht automatisch pädagogisch wertvoll?

    Die Schokoladenfabrik mit dem Museum am Rhein wirbt jedenfalls seit ein paar Jahren mit einem „Magier der Sinne“: goldene Haut, Turban, Pumphosen und Khussa-Schuhen. Statt das alte Logo mit seiner rassistischen Geschichte zu verbieten, wird also eine neue Geschichte erzählt, diesmal eine aus 1001 Nacht. Natürlich ist auch das nicht unbedenklich und erinnert ein bisschen an die Kolonialisierung – aber genau dieser bittere Beigeschmack gehört ja auch zur Schokolade – Fair-Trade hin oder her.

  4. LIeber Neffe 1falt,

    vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Ich finde, ich kann stolz auf meine Kommentierenden sein.

    Wir sind uns vermutlich einiger, als Du denkst (was dann nicht so für mein Ausdrucksvermögen spricht.) Ich kritisiere nicht so sehr, die besagte Karikatur (kennst Du sie?) eventuell mal ganz lustig gefunden zu haben. Im Gegenteil, da bin ich ganz bei Dir – Sie ist Ausdruck rassistischer Affekte, die sollten auf jeden Fall ans Licht kommen benannt werden. Wer also statt „der weiße Nebel wunderbar“ der „weiße N* Wumbaba“ hört, sollte das auf jeden Fall benennen und sein Bild dazu haben dürfen. Das ist sogar wichtig. Nicht so schön ist es aber, mit diesen Bildern dann die Republik zu pflastern – So lange es Menschen gibt, die sich dadurch gekränkt fühlen. In dem beschriebenen Fall ist das so. Viele Menschen, Interessenverbände, von Menschen, die schon mit dem N*-Wort beschimpft wurden, fühlen sich durch den Titel des Buches verletzt. Da ist es dann vielleicht eher ein Problem der Egozentrik als des Rassismus, dass ich darüber nie nachgedacht habe, wie sich andere Menschen damit fühlen. Es ist eine einfache Abwägung – Der Verfasser des Buches muss halt auf seine erste Wahl beim Titel verzichten – Der Inhalt kann ja gleich bleiben. Das ist ein kleines Opfer im Vergleich zu eben den doch, wie mir scheint sehr vielen, die sich gekränkt fühlen.
    Um es gleich klar zu stellen – Exzesse, wie dass es Neufassungen von Huckleberry Finn gibt, in denen rassistische Sprache durch politisch korrekte ersetzt wurde, ist natürlich absurd. Aber unser Fall ist ja anders gelagert.

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