Intermezzo: Wo ist Thomas, wenn man ihn braucht?

Aufmerksame Lesende meines „Zauberbergblogprojekts“ (oder auch: Hallo Jörg und Neffe 1falt!) wissen, dass ich mich einer eher kritischen Haltung (diese Lastwagenfahrer-geschichte und das Geschwurbele) gegenüber dem Deutschen Jahrhundertliteraten nicht so richtig schaffe, zu entledigen. „Enggeistige Schnurrbartbeschreiberei, das alles!“, pöbelt es bei der Lektüre immer wieder in mir.
Neulich aber, vermisste ich Thomas‘ Erzählkunst zum ersten Mal. Ich hatte, just zum Zwecke des Zauberberglesens, ein Café aufgesucht. Ohne Café schaffe ich es nicht, das Buch zu lesen, es darf kein Internet in der Nähe sein oder sonst irgendeine andere Ablenkung. Das Café ist ein angenehmes, unprätentiöses Café, manchmal gehe ich dahin, wenn ich nix zu tun, aber was zu lesen habe. Immer allerdings, wenn ich es betrete, fange ich sofort an, die anderen Gäste zu hassen. Warum ist das so, frage ich, eigentlich freundliche Natur, mich dann.
Es liegt wohl daran, dass diese Gäste alle so zufrieden wirken. Manche sind schwanger, manche kommen mit Freunden, andere mit einem Buch, das sie freiwillig zu lesen scheinen, sie sind nicht oder nur wenig geschminkt aber trotzdem hübsch und verfallen nicht in Selbstverachtung, wenn sie drei Kilo überm Idealgewicht liegen (was auch durch den Power-Yoga Kurs kommt), sie haben einen super Job/interessantes Studium, aber jetzt haben sie frei und können sich entspannen. Als hätten sie ein schönes, als sinnvoll empfundenes Dasein, wo alles seinen guten Platz hat. Mein Lebensgefühl ist da anders, ich passe nicht in das Café.
„Ha!, dann mache ich mir die Außenseiterinnenposition halt kreativ zunutze, indem ich ein paar scharfsinnig-treffende Portraits jener Menschen  hier, mit denen ich mich ohne ihr Wissen innerlich verfeindet habe, verfasse; keine echte Kunst ohne Opfer!“, versuchte ich mich beim letzen Besuch zu trösten. Und merkte schnell: Au weia, das ist schwer. Das könnte Thomas besser. Er hätte jetzt diese selbstzufriedenen Leute genüsslich und zutreffend (wenngleich vielleicht im Großen und Ganzen ungerechtfertigt), ebenso wie die Tischnachbarn Hans Castorps im Sanatorium, ihre kleinsten verstecktesten Schwächen sezierend, sich selber dabei aufs Vortrefflichste ins eloquenteste Licht setzend, ohne Rücksicht auf Verluste in Grund und Boden beschrieben.
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